Unter dem Radar #10: Great Escapes

Great Escapes sind drei Spitzbuben aus der kleinen Großstadt und immer auf der Flucht nach vorne. Dabei haben sie zwar alle Zeit der Welt, doch eine Rückentwicklung ist ausgeschlossen.
Great Escapes

Gründung: 2014
Heimatstadt: Münster
Genre: Emo, Punk, Postpunk, Wave, Alternative
Bisher veröffentlicht: „To My Ruin I'll Go Gladly“ (2015), „Shivers And Shipwrecks“ (2018)
Für Fans von: Apologies, I Have None, Forkupines, Muff Potter, Sorority Noise

„Great Escapes“ – das Trio aus Münster nimmt diesen Namen sehr wörtlich. Bereits im Kinderschuh bewältigte die Band die ersten Meter auf der Flucht nach vorne. Das vorige Bandprojekt Pavement Poetry droht im Sande zu verlaufen. Ein großes Motivationsleck bringt den den Kahn fast zum Kentern. Doch Schlagzeuger Maik Pohlmann hat andere Pläne. Bassist Maik Osterhage erklärt: „Wir hatten 12 Songs und haben gesagt: ‚Lasst uns doch einfach ein Album machen!‘ Eigentlich eine gute Idee! Aber wir haben nie drüber nachgedacht, dass man diese Songs vielleicht noch mal jemanden hören lassen sollte.“ Pohlmann ergänzt: „Das Prinzip war ja Flucht nach vorne. Wenn wir jetzt weitermachen wollen, dann machen wir es richtig. Und richtig hieß in dem Moment für uns, viel zu machen.“ Über persönlichen Kontakt zu den Donots mieten sich Great Escapes im neueingerichteten Studio der Ibbenbürener ein und nehmen das Debütalbum „To My Ruin I'll Go Gladly“ auf. Dieses klingt nach gerade einmal fünf Tagen genau wie die vorab beschlossene Vision im Proberaum. Über den Produktionsprozess und das Aufnehmen von Demos lernt die Band in dieser Zeit viel, was ihnen zukünftig sehr nützen wird.

Zwei Jahre nach einer kleinen Tour mit dem Album im Gepäck, fließen die gesammelten Erfahrungen aus dem Aufnahmeprozess in die neue EP „Shivers And Shipwrecks“. Osterhage lässt das Debütalbum Revue passieren: „Wir haben hinterher schon gemerkt, dass man in manchen Songs schon noch mal was etwas hätte anders machen können. Wir haben gelernt. Wir wollten das besser machen. Also haben wir uns für sechs Songs entschieden und Leute gefragt, die Ahnung haben.“ Die Menschen mit Ahnung sind Bastian Hartmann und Luke Kroll von der Band Rivershores. Besagte zwei Kenner und Könner nehmen im Probenraum mit der Band Demos auf, überarbeiten gemeinsam mit ihnen einzelne Songs und Passagen und irgendwann stehen fünf Tracks, die die neue EP bilden sollten. „Da haben wir erstmal gemerkt, was das für eine Arbeit ist und was so ein Produktionsprozess eigentlich bedeutet“, staunt Osterhage immer noch. „Aber wenn Basto [Bastian Hartmann, Anm. d. Red.] dann sagt: ‚Ey, der Part ist scheiße, mach den raus oder mach den anders‘ und du den schon ein Dreivierteljahr so gespielt hast, dann klammert man sich da gerne mal dran.“ Genauso ist das mit Tempo. „Wir schreiben Songs nicht auf Click. Wir spielen die einfach im Probenraum und machen, was wir gut finden.“ „Und ich bin der, der das dann wieder auf Click bringen muss!“, beschwert sich Pohlmann spaßhaft.

So kommt es, dass mancher Song nach einem Monat Herumliegen doch noch radikal rasiert wird. Oder gar gänzlich verworfen. „Wir sind selbst dabei, das immer zu bewachen. Wir zerpflücken Sachen viel mehr“, erklärt Osterhage. „Früher schwangen da noch so Sachen mit wie: ‚Das ist ja auch Punk, da darf das so und das ist ja auch authentisch.' Das mag alles stimmen, ist für den Aufnahmeprozess aber nicht unbedingt geil“, setzt Pohlmann fort. So werden aus acht Minuten langen Songs nach Monaten plötzlich knackige Dreiminüter. „Wir wissen es halt nicht besser“, fasst Pohlmann zusammen. Dass die Band aber dennoch von Kopf bis Fuß Punkrock ist, beweisen Konzerterlebnisse der besonderen Art. So spielen Great Escapes auf einem dreifachen dreißigsten Geburtstag vor ausschließlich herausgeputzten Visagen und fühlen sich herrlich deplatziert. Am nächsten Tag crasht die Band dann das Steinfurter Fahrradrennen und muss, um mit dem Bandbus aus der Stadt herauszukommen, als erste über die Ziellinie. Ein anderes Mal ist ein Gig in Groningen angesetzt. Die Location ist ein besetztes Haus mit stattlichem Loch in der Wand inmitten eines Bankenviertels. Im Februar, bei drei Grad Celsius zieht es mächtig und weil man dort Konzerte wie Partys handhabt, spielte die Vorband erst um ein Uhr nachts. Great Escapes sind entsprechend später dran – durchaus denkwürdige Ereignisse in der Bandgeschichte, decken sich hier doch die absurdesten mit den besten Konzerterlebnissen.

Ein weiterer Meilenstein ist der bald anstehende Geburtstag von „Shivers And Shipwrecks“. Der wunderschön klingende Titel entsteht im gegenseitigen Austausch. „Wir haben einen Tag lang nur Ideen hin und her geschoben“, erklärt Sänger Fred Tebbe, „und ich hatte irgendwas mit „ship“ und „shipwreck“ und Maik kam dann auf ‚Shivers And Shipwrecks‘. Sonst war das immer andersrum, aber diesmal hatte ich die Artwork-Idee und Maik den Titel.“ Das blau-weiße Artwork hat allerdings nichts mit geheimer Schalke-Anhängerschaft zu tun, wie die drei lachend verraten, hinter der scheinbar simplen Farbgebung steckt vielmehr ein wahrhaftiger Kunstgriff. Angesteckt von Paul Jenkins „Big Blue Phenomena“ tritt die Band an Josua Rieber vom Münsteraner Unternehmen „Homesick Merch“ heran. „Josua hat dann ein leeres Aquarium mit Wasser gefüllt und mit Tinte und Farbe so lange experimentiert, bis er dieses wabernde Bild genauso hatte, wie er sich das vorgestellt hatte“, führt Pohlmann den artistischen Hintergrund aus.

Wie auf dem Debütalbum mischt die Band auf „Shivers And Shipwrecks“ englische und deutsche Texte - genaugenommen englische mit einem deutschen Text. Ging es auf der ersten Platte noch vermehrt um die Weltbilder und Lebensweisen anderer, die für einen selbst nicht in Frage kommen, dreht sich „Shivers And Shipwrecks“ vielmehr um die eigene Geschichtsschreibung. Metaphern und Geschichten der Überforderung, Verzweiflung und Unsicherheit sind definitiv ein nimmer versiegender Quell für Nicht-mehr-nur-Teenage-Angst-Texte und treibende Gitarrenriffs. Meistens stammen die Grundideen für diese von Osterhage, dessen Basisriffs baut die Band dann gemeinsam weiter aus. Beim Songwriting haben die Drei bereits eine gut eingespielte Routine. „Wenn ich zu Maik sage, mach mal so ein Bummschakalaka, dann weiß er genau, was ich meine. Keiner von uns weiß, was Sus-Akkorde sind. Aber wenn ich Fred auffordere, Sus-Akkorde zu spielen, weiß er genau, was ich hören will! Das ist wie so ein altes Ehepaar, aber es funktioniert.“

Wie ein altes Ehepaar ist sich die Band auch über ihre Lieblingsnummern auf der Platte einig. Tebbe und Pohlmann hören am liebsten „Doves Of Winter“. „Ich hätte nie gedacht, dass wir so einen Song mal schreiben könnten“, sagt Tebbe und erinnert sich an den Wandel, den das Lied im Entstehungsprozess gemacht hat. „Ich musste mir hinterher einen Reverb-Effekt kaufen, damit wir den live spielen können.“ Für die Live Performance bevorzugen Osterhage und Pohlmann aber „Noisy“. „Der macht einfach Spaß zu spielen und an der einen Stelle zeigen Julian [Mädchen für Alles und Mercher der Band, Anm. d. Red.] und ich uns immer den Mittelfinger. Egal wo wir im Raum stehen, wir finden uns immer!“, erzählt Osterhage.

Der deutschsprachige Ausreißer „Antiartikulation“ sticht nicht nur klanglich heraus. „Die deutschen Songs klingen irgendwie etwas anders“, sagt Tebbe. „Ich texte halt auch immer impulsiv. Wenn ich eine gute Zeile habe, baue ich darauf auf.“ Was kommt, das kommt. „Und eigentlich ist ‚Antiartikulation‘ auf „Shivers And Shipwrecks“ so der straighte Punkrocksong“, führt er weiter aus. Der Text lässt sich ganz wunderbar auf einen gescheiterten gesellschaftlichen Dialog und sich verhärtende Fronten anwenden. Dabei ging es Tebbe ursprünglich um etwas sehr Persönliches und Trauriges. Den Moment nämlich, in dem es zu spät ist, ein klärendes Gespräch zu führen. Wenn sich irgendwann so viel Mist angehäuft hat, dass man nicht mehr miteinander spricht und bei Begegnungen so tut, als wäre nichts, dann hat man erreicht, was die Band unter „Antiartikulation“ versteht. „Wenn ich ein Problem mit der Person habe und das nie anspreche, wirkt sich das ja schon auf die Beziehung aus.“ Live und in Persona sind Great Escapes jedoch alles andere als traurig. Auch ihre Emo-Punk-Hymne „Let It Ache“ bezieht ihren großen Charme aus dem mitgröhlbaren Chorus, der vor allem beim Konzertpublikum wunderbar ankommt. „Wir wurden nach dem Konzert auch schon gefragt, ob wir da 'Oh, Cadillac' oder 'Onehundredeight' oder 'Oh, Great Escapes' singen“, berichten die drei schmunzelnd. Doch „Mitsingen ohne Texte kennen“ ist auch vor Caspers entsprechender Aufforderung bereits ein Klassiker gewesen. Macht also nichts. Hauptsache, man hat Spaß!

Und den Spaß an der Sache haben Great Escapes noch lange nicht verloren. Da die drei nicht von der Musik leben müssen, sondern ihr Hobby nach Lust und Laune ausüben können, unterliegen sie keinerlei Zwängen. Ein neues Album planen sie trotzdem jetzt schon. Nach der EP haben sie alles auf Null gesetzt. „Aber wir schreiben am nächsten Album“, verrät die Band. Die Arbeit läuft jetzt noch professioneller, schließlich hat das Trio aus den letzten beiden Aufnahmephasen gelernt. „Wir sind super zufrieden mit der EP, aber die ist nun mal von recht kurzer Dauer“, ergänzt Tebbe. „Außerdem hat man auch einfach Bock, wieder was zu machen“, vollendet Pohlmann. Und dass den drei Münsterländern der Punkrock noch innewohnt, beweisen sicher nicht nur die Hörgewohnheiten und Ansichten der Bandmitglieder, sondern auch, dass auf ihrem Catering-Reader immer gleich zwei Kisten Bier stehen. Bummschakalaka, Mittelfingerzeigen und runde Geburtstage crashen tun ihr übriges.

Die Zukunft von Great Escapes könnte noch Großes bereithalten, doch wann wir davon hören, steht noch in den Sternen. Wer sich nicht übers Musikmachen finanzieren muss, hat schließlich alle Zeit der Welt. „Wenn fertig, dann fertig“, lautet das gemeinsame Fazit.