Turbostaat - Abalonia

Turbostaat sind mittlerweile sage und schreibe 18 Jahre alt! Ihr letztes Album „Abalonia“ gibt es nun auch schon fast genau ein Jahr zum Anhören! Mit ihrer sechsten Platte sind die norddeutschen Jungs immerhin auf Platz 15 der deutschen Charts gelandet. Drei Jahre nach „Stadt der Angst“ nun also „Abalonia“. Das Cover der Platte fällt dabei in jedem Plattenladen sofort auf. Düster, dennoch, oder gerade deswegen, sinnbildlich für die heutige Zeit. Wie klingt das Album nun aber ?
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Mit zehn Liedern erzählt die Gruppierung um Jan Windmeier über Probleme, die wir alle kennen. Allerdings nicht wie zuvor auf direktem Wege, sondern bildlich und erzählerisch. Mit “Ruperts Gruen” begegnet einem als erstes der Vinylsound, wenn man gerade eine Platte auflegt. Mit einer doch sehr positiv klingenden Melodie, im Gegensatz zum Cover, wird einem sofort die Hand ausgestreckt („Im Rennen streckte sie die Hände aus“) und man lässt wirklich nicht mehr los. Das Album hört sich so schnell, dass man es wirklich noch einmal anhören muss, um alles mitzubekommen. Gerade “Ruperts Gruen” entzieht einem mit den verschiedenen Klängen die Zeit. Kaum nahm man noch die Hand, schon entgeht man dem Tod und ist an einem fernen Ort. Insgesamt streckt sich durch das Album der Weg nach Abalonia sehr deutlich. Daher ist das Titellied wohl auch das Letzte der Veröffentlichung.

Der Sound der Band hat sich in den Jahren stets gewandelt. Von „Flamingo“ (2001) bis hin zu „Abalonia“ merkt man einen deutlichen Unterschied. Es wirkt alles klarer, reiner und stimmiger. Dennoch ist der Punk nie abhanden gekommen. Turbostaat spielt mit der Charakteristik der Gitarren. Jedes Lied hat in sich Passagen, die man so nicht erwartet, welche auch anders als bei den Vorgängern klingen. Das gesamte Album harmoniert untereinander aber wunderbar!
 

Wer nicht davon spricht, dass „Abalonia“ eine musikalisch ausgezeichnete Platte ist, sollte sich „Wolter“ anhören.

Beim dritten Lied „Der Wels“ wird man mit der Energie des Schlagzeugs etwas überrascht, doch man merkt gleich, dass dies definitiv kein Quatsch ist. Es werden keine direkten Probleme angesprochen, doch man merkt die Unzufriedenheit in den Texten. Zudem kommt eine verspielte Melodie hinzu, die dem ganzen noch mehr, ich vermag glatt zu sagen, Feuer unter dem Hintern macht. 

Wer nicht davon spricht, dass „Abalonia“ eine musikalisch ausgezeichnete Platte ist, sollte sich „Wolter“ anhören. 2:09 Minuten lauscht man der reinen instrumentalen Musik. Durch den Bass, der Wellenartig auf und ab geht, fühlt man sich glatt ans Meer verfrachtet. Wie Wellen begleitet die Musik einen auf der Reise. Und mit dem Shanty-Chor-Reinickendorf klingt das Ganze sogar noch beeindruckender, wie man unter anderem bei Circus HalliGalli und auf dem Konzert in Berlin bewundern durfte.

Mit einer gewissen Aggressivität geht es in „Eisenmann“ und „Totmannknopf“ weiter, was man klar aus der Trauer von Verletzungen heraus leiten kann. Doch merkt man gerade durch die Arbeit mit der Stimme von Jan und der Präsenz der Gitarren die Wut, die man auf sich selbst projizieren könnte. Rein nach dem Motto „Wieso machen die das? Wieso habe ich das getan?“ In dieses Bild reiht sich „Geistesschwein“ sehr gut ein. Turbostaat wollten den klassischen Standart der „3-30-Radiolänge“ bewusst brechen. Es sollte ebenso keinerlei Konzeption in den Songs stecken. Kaum ein Refrain gleicht dem vorhergehenden in einem Lied. Und “Geistesschwein” lässt viel Energie frei, indem man rockige Klänge mit leichtem Post-Hardcore benutzt. 

„Die Toten“ ist schon das vorletzte Lied der Platte. Ebenso wird, wie auf dem gesamten Album, viel mit der reinen Musik gearbeitet. Von wenig Text mag man dennoch nicht sprechen, die Songs sind einfach länger als gewohnt. Nun lässt man aber doch die Musik für sich sprechen. Neben tiefer Melodie erklingt plötzlich die Vielfalt der Gitarren. Die Höhen und Tiefen der Klänge und deren Kürze und Länge verkörpern wohl die Unterschiedlichkeit des Lebens. Bei diesem Lied wird die Stimme mit starkem Echo untersetzt, was das ganze stimmig macht. Gerade mit dem Text hinzu soll nichts sofort aus dem Kopf und der Welt verschwinden. Und genau in diesem Moment endet der Song mit „Wir sind die Toten“.

„Auf dem Weg nach Abalonia“ hieß die Tour, welche die seit 1999 existierende Punkband im Jahr 2016 spielte. Und nun ist auch das Album angekommen. „Abalonia“ erfrischt nach den vorhergehenden düsteren Songs mit einem erstaunlich positiven Klang. Die beiden Leitfiguren gehen nun zusammen ihren Weg. Gerade bei diesem Lied merkt man, dass es nicht umsonst Punker sind, die zusammen spielen. Der Sound bringt einem das Gefühl der Freiheit. Doch auch beschreibt der Text, dass man nicht gehört wird, dass die eigene Meinung gar keine Bedeutung hat. Am Ende ist das Lied „Abalonia“ noch lange nicht das Ziel, denn die Reise geht weiter.