Hier kommen wir! Drei Einlaufhymnen und ihre Geschichten

Ob es nun ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das Demonstrieren der eigenen Stärke oder schlicht eine notwendige Tradition ist: Sportler:innen lieben ihre Einlaufhymnen. Wir haben ein paar der interessantesten gesammelt.
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Musik und Kunst im Allgemeinen gilt für Viele eigentlich als etwas eher Unverfängliches, mit dem man sich mal eine Zeit lang vom Alltag lösen kann. Dass das in der Realität oft gar nicht der Fall ist, lässt sich gut an der symbolisch aufgeblasenen Zeremonie des Nationalhymnensingens bei Länderspielen im Fußball beobachten. Während viele links eingestellte Menschen ob des überschwänglichen Patriotismus‘ das kalte Kotzen kriegen, lamentieren andere darüber, dass Spieler X nicht ordentlich mitsingt, während Spieler Y seine eigene Stimme offenbar so peinlich ist, dass er im Grunde eigentlich nur die Lippen bemüht respektvoll bewegt. Musik zur Einleitung von sportlichen Events schwingt offenbar etwas ganz schön Emotionales mit. Kein Wunder, dass einige der Einlaufhymnen bei verschiedenen Großereignissen geradezu ikonisch geworden sind.

Arthur Abraham und die Schlümpfe

Kaum eine Sportart ist derartig mit Einlaufsongs verbunden wie das Boxen. Bei männlichen Kämpfen hat man dabei oft das Gefühl, hier müssten viele Menschen ganz dringend etwas kompensieren. Da wird auf harten Metal, peinlichen Dad-Rock oder möglichst breitbeinigen Rap zurückgegriffen, der wohl beweisen soll, dass der gerade einlaufende Typ wirklich die dicksten Eier von allen hat. Das erinnert oft an das Klischee vom prolligen US-Amerikaner, der ein derartiges Problem mit seiner Männlichkeit hat, dass er mit einem fetten, verschwenderischen Hummer durch die Gegend brettern muss. In diesem Sinne gibt es wohl historisch keinen männlicheren Boxer als Arthur Abraham. Der muss nämlich gar nichts kompensieren und hatte kein Problem damit, bei diversen Auftritten mit dem Schlumpflied von Vader Abraham einzulaufen. Der Sänger spielte seinen Hit aus den 70ern sogar live beim Einlauf seines Namensvetterns und dichtete eigens eine neue Strophe für das Ereignis. Mehr geht nicht!

Henry Maske und die Eroberung Amerikas

Wesentlich heroischer als Arthur Abraham mochte es Henry Maske. Der wählte mit „Conquest Of Paradise“ den Titelsong aus Ridley Scotts gleichnamigem Historiendrama, das die Geschichte Christoph Kolumbus‘ (deutlich euphemisiert) erzählt. Ob man das Narrativ des Streifens nun gut oder schlecht findet – Maske hat dafür gesorgt, dass mit dem Song „Conquest Of Paradise“ kaum einer mehr den Scott-Streifen assoziiert, sondern nur den Beginn eines Boxkampfes. Als Maske den Song 1994 - zwei Jahre nach Erscheinen des Films - erstmals verwendete, stiegen die Verkaufszahlen des Soundtracks rapide in die Höhe. Ob der Boxer tatsächlich derartig historische Tragweite wie Kolumbus hat, bleibt fraglich – sein Faible für cineastischen Gigantismus war allerdings geweckt. Als Maske 2007 nach dem zwischenzeitlichen Karriereende erneut mit dem Boxen begann, begleitete ihn ein neues Werk namens „Cursed To Fight“. Dessen Melodie hatte er – kein Witz! – auf einer Attraktion im Europapark, dem „Fluch der Kassandra“ gehört. Über Monate ließ Maske die Melodie zu einer Einlaufmusik umkomponieren und machte sie schließlich tatsächlich zum Intro seiner Kämpfe. Irgendwie größenwahnsinnig, aber irgendwie auch geil.

Ajax Amsterdam und der Mut zum Klischee

Wer einmal in Amsterdam oder generell in den Niederlanden Urlaub gemacht hat, der kann sich bei der Rückkehr kaum der Frage erwehren, wie viele und welche Grassorten er dort in diversen Coffee Shops wohl ausprobiert habe. Dass Amsterdam auch abseits vom Drogenkonsum eigentlich eine verdammt schöne Stadt ist, kann da bisweilen unter den Tisch fallen. Man kann deswegen zumindest ein Fragezeichen setzen, wenn es darum geht, ob den Holländern selbst dieses Klischee nun gefällt oder nicht. Ajax Amsterdam allerdings scheint zumindest kein Problem damit zu haben, weitere Indizien für die Hauptstadt der Niederlande als europäisches Epizentrum des Marihuana-Konsums zu schaffen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit läuft bei den Spielen des Teams nämlich ausgerechnet ein Song des Reggae-Königs Bob Marley. Die Geschichte dahinter zeigt, dass dahinter ursprünglich tatsächlich ein Klischee stand. Ajax Amsterdam machten sich das Lied zu eigen, nachdem sie es 2008 bei einem auswärtigen Testspiel in Cardiff gehört hatten. Der damalige Stadion-DJ Ali Yassine war selbst in einer Reggae-Band tätig, witterte wohl mit dem Eintreffen der Holländer seine Chance und spielte so viele Songs des Genres wie möglich. Als Abziehbild eines Kiffer-Clans scheinen sich die Ajax-Spieler dadurch nicht gefühlt zu haben, im Gegenteil: „Three Little Birds“ ist mittlerweile fest im Repertoire des Teams verankert, auch einige Spielergenerationen danach.