Die Super Bowl Halftime Show und das fragile Ego der Rockmusik

Der Super Bowl ist eines der größten sportlichen Ereignisse der Welt und Jahr für Jahr auch eine Bühne für ein musikalisches Spektakel, dass das Prädikat “typisch amerikanisch” verdient wie kaum ein anderes.
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Der Super Bowl hat für die Menschen in den USA einen gesellschaftlichen Status, den man hierzulande wohl gerade mal mit einer Fußball-WM vergleichen kann (und selbst da wird regelmäßig über die Überkommerzialisierung des Sports diskutiert). Der Super Bowl hat es dagegen geschafft, den Rahmen des Sport zu transzendieren und zu etwas gesamtgesellschaftlich Riesigem zu werden. Die eigens für die Veranstaltungen gedrehten Werbe-Clips haben Produktionsbudgets, für die Netflix mit Sicherheit 17 Staffeln irgendeiner mittelmäßigen Serie zusammenbasteln könnte, und viele schauen den Super Bowl sogar nur aufgrund des Unterhaltungswerts dieser Anzeigen.

Neben den legendären “Commercials” (und dem Spiel, Sport findet da ja auch noch statt), wird der Hollywood-Glamour vor allem in der Halftime Show versprüht. Einer 15-minütigen Aufführung, bei der sich die Hochkaräter der Musikbranche die vergoldete Klinke in die Hand geben: Justin Timberlake, Janet Jackson (berüchtigt für den “Nipplegate”-Zwischenfall 2004), Bruno Mars, Jennifer Lopez, Michael Jackson. Was haben alle diese Künstler:innen (Janet Jackson mal ausgenommen) gemeinsam? Richtig, sie gehören alle im weitesten Sinne zum Mainstream-Pop der damaligen Zeit. Das fällt Jahr für Jahr auch vielen Leuten in den sozialen Medien auf, vor allem denen, die in der Halftime Show lieber ihre langhaarigen Metal-Idole sehen würden. Ist aber auch frech von der NFL, da Künstler:innen zu buchen, die bei der breiten Masse gut ankommen. Seit Jahren beschweren sich Rockfans, dass doch Metallica jetzt endlich mal ihren verdienten Auftritt beim Super Bowl bekommen sollen. Klar, das fänden die paar hundert menschlichen Flummies, die von der NFL da jedes Jahr auf den Rasen gescheucht werden, um mal ein bisschen kreischend rumzuhüpfen, bestimmt super…

Als wären sie Statist:innen in einem langweiligen Spin Off von “Täglich grüßt das Murmeltier” stecken die Rockfans pünktlich zum Super Bowl ihre Köpfe ins Internet und maulen, dass ihre Lieblingsband schon wieder nicht auf die große Bühne darf. Angefeuert wird das auch von diversen Magazinen und Zeitungen, die dann mit Headlines um die Ecke kommen wie “Metallica Got Snubbed for Super Bowl Halftime Show Again and People Have Had It”. Einerseits ist es bestimmt gut und gesund für die Egos der ach so truen Metal Community, dass die Künstler:innen-Auswahl ihnen jedes Jahr mal kurz einen Reality-Check verpasst und zeigt, dass Rock scheinbar doch nicht mehr die absolute Deutungshoheit über die Musikwelt inne hat. Andererseits fragt man sich auch: Warum wollt ihr das überhaupt so sehr? Gerade die Metalszene, die dafür bekannt ist, massiv Gatekeeping zu betreiben und alles und jeden sofort als “sellout” oder “poser” verschreit, der nicht alle Slayer-Riffs auswendig mitheadbangen kann. Ausgerechnet die Leute wollen anscheinend, dass ihr Lieblingsgenre in der “Pepsi Zero Sugar Halftime Show” repräsentiert wird.

Der Höhepunkt der Absurdität war dann 2019 erreicht, als nach der Ankündigung, Maroon 5 würden in diesem Jahr in Atlanta die Halftime Show spielen, Forderungen laut wurden, man hätte doch stattdessen Mastodon buchen sollen, die kommen ja schließlich auch aus Atlanta. Also zugegeben, ich hätte gerne in die entsetzten Gesichter geschaut, wenn Brent Hinds irgendein knideliges Riff von “Crack The Skye” anstimmt und der Band das Licht abgedreht wird, weil nach 15 Minuten die Spieler wieder aufs Feld wollen und Mastodon immer noch nicht mit ihrem ersten Song durch sind. Aber selbst Thrash-Tony in seiner Echokammer aus Stahlbeton und Megadeth-Postern muss doch klar sein, dass diese Musik in keinster Weise massenkompatibel ist. Ich mag die Musik von Mastodon auch sehr, mehr als die der allermeisten Künstler:innen, die bisher die Halftime Show gespielt haben. Und ich fand die Performance von Maroon 5 auch leblos und unterirdisch. Aber ich will trotzdem nicht stattdessen Mastodon auf dieser Bühne sehen, wo sonst Lady Gaga oder Beyoncé riesige Materialschlachten mit Tänzer:innen, Marching Band und Drahtseilakten durchziehen.

Der Wunsch, im Super Bowl repräsentiert zu sein, ist aber nicht bloß eine romantische Fansehnsucht. Auch viele Künstler:innen aus dem Genre äußern diesen Wunsch. Disturbed’s David Draiman kündigte 2019 beispielsweise an, er würde gerne beim Super Bowl die Nationalhymne singen. Ob er wohl weiß, dass er da nicht wie bei “Sound of Silence” mit Autotune nachhelfen kann? Es wäre ja nicht die erste patriotische Peinlichkeit, die sich ein Rockmusiker bei einem Sportereignis leistet, man denke nur an Fleas haarsträubende Performance des “Star Spangled Banner” bei einem Basketballspiel der L.A. Lakers.

Die Diskussion über den Rock beim Super Bowl zeigt, dass es hier nicht wirklich darum geht, die eigene Lieblingsband auf der großen Bühne zu sehen und die Halftime Show zu genießen. Es geht um Stolz. Stolz auf den eigenen Musikgeschmack und darauf, die Fahne bei so einem pathetisch aufgeladenen Ereignis wie dem Super Bowl hochzuhalten. Im Grunde ist es musikalischer Patriotismus, was wohl auch ein Grund dafür sein könnte, dass diese Diskussion hierzulande den meisten Leuten total egal ist…