200 Bands an einem Tag: Zu Besuch bei der Line-Up-Findung des Pegasus Open Air

Wer sich als kleine Band auf Festivals zu etablieren versucht, der muss manchmal das Gefühl haben, in einen luftleeren Raum hineinzurufen. Wer hinter die Kulissen des Pegasus Open Airs blickt, stellt aber zumindest fest, dass Bewerbungen hier beileibe nicht in der E-Mail-Flut verschwinden. Ein Tag zwischen musikalischer Reizüberflutung, veganer Pizza und der tragischen Liebesgeschichte zweier Oliven.
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Wer zum fünften Jahr in Folge ein Festival betreibt, der kann zumindest nicht alles falsch gemacht haben. Die Macher und Macherinnen des Pegasus Open Airs befinden sich 2020 in dieser Position und feiern ein halbes Jahrzehnt mit ihrem Event. Die vergangenen Jahre bringen den Luxus eines reicheren Erfahrungsschatzes mit sich, der Vieles erleichtert. Und um große Bandakquise muss sich das Team auch nicht mehr bemühen: Jedes Jahr trudeln mehr und mehr Bewerbungen im Postfach der Gruppe ein. Die Kandidaten wollen mittlerweile teilweise aus so entlegenen Ecken auf das kleine Event in Mölln, dass die Menschen hinter dem Pegasus Open Air ihre Anreise unmöglich noch bezahlen können. Der große Zuspruch ist ein Kompliment für die Arbeit des Teams, birgt aber auch gleichzeitig eine ganz entscheidende Hürde: Wie soll man unter solchen Unmengen an Acts eigentlich noch die Handvoll auswählen, die am Ende auf dem Festival spielen sollen?

Das Team des Pegasus Open Airs macht es sich zumindest nicht gerade leicht bei dieser Aufgabe: Trotz einer durchaus vorhandenen Anzahl an szenebekannten Bewerbern in der mehrere Hundertschaften umfassenden Auswahl geht die Gruppe nicht nach nackten Zahlen, sondern vor allem nach der musikalischen Komponente. Das ist sehr lobenswert, bedeutet aber auch eine absolute Mammutaufgabe. Schließlich bewerben sich alle Bands mit mindestens einem Song, der schlussendlich über alles entscheidet. Aber wie wühlt man sich durch eine derartige Masse an neuen musikalischen Eindrücken? Wie entscheidet man, für wen das Pegasus Open Air schlussendlich die richtige Auftrittsmöglichkeit ist?

Das Ritual der Bandfindung findet 2020 unter dem Dach von Dennis Stölmacker statt, der im Team dafür zuständig ist, alle Bewerbungen zu sammeln und zu sondieren. Im Vorfeld hat er bereits eine ganze Menge aussortiert. Darunter sind vor allem Bands, deren Anfahrt entweder zu weit ist oder deren musikalische Stilrichtung so überhaupt nicht mit den Vorstellungen des Events korreliert. Trotzdem sind am Anfang des Tages noch 220 Bewerbungen übrig – und das Team wird sich heute durch ALLE durchkämpfen.

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Angestrengtes Zuhören.

Für manche im Studiums-Rhythmus Gefangene ist der morgige Beginn des Treffens noch etwas früh. Dennis‘ Wohnung liegt nicht gerade in der zentralsten Gegend Hamburgs und so haben einige einen durchaus nicht zu verachtenden Anfahrtsweg hinter sich. Der konstant fließende Kaffee hilft etwas über die Augenringe hinweg, ein gemeinsames Frühstück macht alle bereit für das, was gleich kommt: Unmengen an Musik. Versammelt beginnt das Aussortieren, das fast einer kleinen Gameshow gleicht. Beim Durchhören gibt jede anwesende Person eine Punktzahl von 1 bis 5 nach musikalischem Gefallen ab. Klar, dass da Mittelwege nicht ausbleiben können, gegen mehr als zwei Nachkommastellen spricht sich das Team aber dann doch aus. Eine Exceltabelle fasst schließlich alle Wertungen zusammen und erzeugt damit ein beeindruckendes Dokument, das den Gefallen an den zahlreichen Bands in nackten Zahlen zusammenfasst.

Der Hörprozess ist stellenweise überaus langwierig. Verliert sich das Team anfangs noch regelmäßig in längeren Diskussionen über eine einzelne Band, wird irgendwann ein Zeitlimit von vier Minuten pro Kandidat gesetzt – auch so dauert die gesamte Session immerhin beachtliche sieben Stunden. Die Gefühlskurve schwankt in diesem Prozedere durchaus signifikant: Während manche Bands eine fast einstimmige Zustimmung bekommen, landen andere ziemlich unmittelbar auf dem Abstellgleis. Beides ist aber eher die Ausnahme: Insgesamt bleibt viel gutes Zuhören, einige individuelle Lieblinge und regelmäßig der Wunsch, noch einen zweiten Song anzuspielen. 

Inmitten all dieser Stunden gibt es immer wieder Momente, die die Motivation hochhalten. Zum Beispiel die Pizza zur Mittagszeit, die für die Pflanzenfresser der Gruppe auch mit veganem Käse daherkommt. Parallel zum Hören widmen sich die Anwesenden einem – so die zwischenzeitliche These – unmöglichen Würfelpuzzle, dessen Beschäftigung die Konzentration wieder stärkt. Und auch musikalisch warten immer wieder Überraschungen auf, die für neue Aufmerksamkeit sorgen: Eine Band arbeitet in ihrer Stilrichtung mit dem einzigartigen Einsatz von Gameboy-Sounds, eine andere lässt ihren Song mit einem herzzerreißenden Musikvideo über die tragische Liebesgeschichte zweier Oliven antreten.

Am Ende sind alle verständlicherweise geschafft, aber gleichzeitig selig, so viel neue Musik kennengelernt zu haben. Das Sieb ist knallhart: Am Ende spuckt die Excel-Tabelle eine Top 10 aus, aus der noch nicht einmal alle Bands den Weg auf das Pegasus Open Air finden werden. Zurück bleibt aber nicht nur eine Einsicht in das vorläufige Line-Up, sondern auch die Erkenntnis: Beim Pegasus Open Air wird wirklich niemand übersehen.