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We Never Learned To Live und „The Sleepwalk Transmissions“: Könige der Dystopie

Mo, 13.05.2019 - 11:45
Auf ihrem neuen Album treiben die Briten ihren markanten Sound weiter auf die Spitze. Sänger Seán Mahons Spagat zwischen sanglichem Säuseln und martialischer Brachialität ist dabei nur das offensichtlichste Merkmal des Feingespürs der Band für stimmungsgeladene Dynamiken.

We Never Learned To Live fackeln auf ihrem neuen Album „The Sleepwalk Transmissions“ nicht lange. Wie schon der Vorgänger „Silently, I Threw Them Skyward“ hat man keinen kurzen, aber einen nicht weniger prägnanten Titel gewählt. Zusammen mit dem Albumartwork wird der Hörer bereits vor dem ersten Ton in ein Weltraum-Setting katapultiert. Der Opener „Permafrost“ ist die Art von Track, die direkt losjault und mit harschen Post-Hardcore-Gitarrenwänden das Stimmungsbild um die musikalische Komponente unmissverständlich erweitert. Mahons unverwechselbare Stimme keift und schwingt sich durch das Gewitter aus animalischem Drumming und krachenden Gitarren. Bereits die Songtitel geben einen ersten Eindruck, worum es auf „The Sleepwalk Transmissions“ geht. „Wounds With Wires“, „Android Anaesthetist“, „The Clocks“ oder „Radio Silence“ - jeder Song erzählt eine Geschichte aus einer hochtechnisierten Sci-Fi-Dystopie. Ob es die beängstigende Vorstellung in „Android Anaesthetist“ ist, von sogenannten Digimeds abhängig überhaupt lebensfähig zu sein oder eigentlich gar nicht mehr wirklich zu leben – Stichwort „Fernbedienung“.

Ein knapp dreiminütiger Höhepunkt des Albums ist die erste Singleauskoplung „Luma / Non Luma“. Hier beweist das britische Quintett, dass scheinbar strukturlosem Post-Hardcore-Getöse durchaus auch Eingängigkeit innewohnt. Ein Track, der das Fingerspitzengefühl für dynamisch-stimmungsvollen Abwechslungsreichtum par excellence zeigt ist „Owari“. Mit über fünf Minuten Länge finden hier Brett, Groove und hypnotisches Abdriften in die düsteren Gefilde des Weltalls hinreichend Platz. „Owari“ ist der Inbegriff des Stempels, den sich die Band selbst gibt: Post-Hardcore in berauschender Dichotomie zwischen besinnlicher Idylle und Vernichtung. „Retreat Syndrome“ überrascht mit einem nach generischem Metalcore klingenden Intro, doch We Never Learned To Live verwandeln diese Assoziation sofort wieder in ihren eigenen Sound.

Der Closer „Radio Silence“ ist ein zweites, fast sechsminütiges Spektakel, in welchem insbesondere Schlagzeuger Gary Marsden es sich zur Aufgabe macht, die Boxen der heimischen Stereoanlage zu zerlegen. Dazu donnern die bombastischen Gitarren ihr tosendes Fianle. Mahons Sinn für sensible und unerwartete Melodien (der subtil an Crooks' Josh Rogers erinnert) setzt dem ganzen die zinkgraue Post-Hardcore-Krone auf.