Walking Dead on Broadway und „Dead Era“: (Post-)Apokalypse Now

Was folgt auf den großen Knall? Stille? Vielleicht. Walking Dead on Broadway benötigen für die Entkräftung jenes nageliegenden Vorstoßes keine zehn Minuten. Das Mittel zum Zweck ist der schwermetallische Werkzeugkasten mit hochqualitativem Inhalt.
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Die Popkultur kann es nicht lassen. Der zivilisatorische Untergang bietet seit geraumer Zeit Faszination und Freiraum für Kreativität. Das Medium spielt eine untergeordnete Rolle. Unabhängig von cineastischer („2012“), literarischer („Brave New World“) oder spieletechnischer („Fallout: New Vegas“) Umsetzung, entstehen Überlegungen ob des Geschehens, des Auslösers und der Konsequenzen jenes Verfalls. Spätestens mit „Dead Era“ trägt auch die Musik einen Teil zu der Strömung bei.

Mit dem Intro rufen „Walking Dead on Broadway“ Assoziationen mit den 1920er Jahren hervor. Das Soundgewand eines alten Grammophons geht in klirrenden Glasscheiben auf und hinterlässt einen Moment der Stille, der vollends ausgenutzt werden sollte. Vielleicht mit ein paar beruhigenden Atemübungen? Denn „Red Alert“ ist der sinnbildliche, zivilisatorische Untergang, welcher sich mit dem schwarzen Freitag im Jahre 1929 am Horizont auftat. Mit voller Kraft geht es voran, die überbordende Energie trifft den Hörer unvermittelt - Mister Elvis Presley höchstselbst hätte sie wohl nur unwesentlich rasanter vortragen können.

Das Gesamtszenario erinnert fortwährend an Bands des Trance-/Electro-Core. Gemeinsame Tourkonzerte mit Eskimo Callboy sind an Walking Dead on Broadway nicht spurlos vorübergegangen und so fließen elektronische Spielereien in nahezu jedes Lied ein. Trotzdem biedert man sich zu keiner Zeit allzu gesellschaftsfähigen Melodien an, sondern manifestiert ein gewaltiges Stück Roughness. Beinahe trashige Kriegserklärungen wie „The Fire Never Lies“ oder „Our Labour, Our Idol, Our Pride“ machen keine Gefangenen und gehen eine waghalsige Brüderschaft mit Metalcore-Brechern à la „Punish The Poor“ (interessante Bass-Linien!) oder „Dead End Utopia“ ein. Mithilfe der Beschäftigung zweier Sänger kommt, trotz dem völligen Verzicht auf cleane Gesangsspuren, keine Eintönigkeit auf. „Hostage To The Empire“ macht dies deutlich.

Das Interlude (oder doch zweite Intro?) „Standstill“ ist nach weit mehr als der Hälfte an Spielzeit durchaus überraschend. Den Zuhörern wird ein wenig frischer Sauerstoff vergönnt, ehe das finale Song-Trio alle Zweifel ob der dargebotenen Qualität ausräumt. Der bisherige Kompositionshöhepunkt „Anti-Partisan“ erhält mit „Benevolent Warfare“ einen ebenbürtigen Partner. Ein Chor, ungekannt harmonische Instrumentalisierung und ausladende Outro-Klänge beschließen ein musikalisches Feuerwerk der besseren Sorte.

„Dead Era“ besitzt das Potential, selbst altgediente, konservative Metalheads in die Gefilde der Core-Subgenres zu manövrieren. Walking Dead On Broadway könnten von der zunehmenden Popularität der Gattung profitieren - mit ihrem neuen Werk hätten sie es sich allemal verdient.

Fazit

7
Wertung

Ungemütlich, energisch, eindrücklich - jedes Attribut wird bis auf dessen Äußerstes ausgereizt, was zu einer bemerkenswerten Gesamtleistung führt. Für die Dauerrotation ist es mir beinahe zu brachial, der Qualität tut dies jedoch keinen Abbruch.

Marco Kampe