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VR Sex und „Human Traffic Jam“: Post-Punk-Prüderie

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Mi, 08.05.2019 - 11:14
Auf ihrer ersten Platte wollen VR Sex ein dystopisches Bild menschlicher Mechanisierung durch digitale Distanz zeichnen. Dieses Vorhaben gelingt fast zu gut – „Human Traffic Jam“ ist seine eigene problematische Persiflage.

Dass sich Post-Punk mit seiner monotonen Gestik hervorragend für die Gestaltung unheilvoller Sozialkälte eignet, hatten Die Nerven erst jüngst mit ihrer aktuellen Platte „Fake“ bewiesen. Den deutschen Genre-Heroen um Mastermind Max Rieger gelang dieser Spagat vor allem deswegen, weil sie es geschickt fertigbrachten, rasende Repetitionen mit seufzender Melancholie in Einklang zu bringen und so ein bedrückendes, aber trotzdem nicht einseitig entworfenes Bild zu zeichnen. „Human Traffic Jam“ steht diesem Ideal allerdings mit eindrücklicher Kontrapunktierung entgegen. Das erste Album von VR Sex setzt nahezu durchgängig auf die schmerzlichsten Maximen, für die das Wort „martialisch“ geradezu eine Verniedlichung darstellt.

Diese konzeptuelle Entscheidung kommt mit allen Vor- und Nachteilen, die man sich denken kann. Einerseits entfalten die enormen Synthie-Gewalten, die fast zur Unkenntlichkeit verzerrten Vocals und die knarrende Gesamtproduktion genau das Bild der verfremdeten Abschottung, die VR Sex lyrisch vermitteln. Anderseits – und hier liegt der eindeutige Schwachpunkt der Platte – führt die endlose Überzeichnung jeglicher Soundschichten zu einer klanglichen Eindimensionalität, die auch für die charakteristische Anti-Haltung einer Post-Punk-Platte nicht vorteilhaft ist. In „Human Traffic Jam“ geht sogar das klangmalerische Instrumental-Outro „Corridor“ beinahe im Sound-Matsch der Rest-Platte unter, wobei diese Passage wenigstens für eine dringend notwendige Versöhnung aus der terrorisierenden Dauerbeschallung der vorherigen halben Stunde sorgt.

Trotzdem hat dieses Album seine kleinen Momente, zum Beispiel den prägnanten Ausbruch in „Surrender“, der ausgehend von der Abstraktion einer mittelalterlichen Laute zum großen Synthesizer-Epos auffährt. Auch die Spoken-Word-Samples in „Psycho Cybernetiks“ verfehlen über klirrenden Orgelklängen ihre epische Wirkung nicht. Diese minimalen Extravaganzen reichen aber nicht aus, um „Human Traffic Jam“ über die Qualität eines Durchschnittsalbums zu erheben. VR Sex verstehen ihr Genre gut, aber es gelingt ihnen nicht, sich selbst einen Weg aus dem Korsett des drückenden Cyberkriegs zu befreien. Ein neues ästhetisches Element, ein deutlicher Spannungsbogen oder eine kleine – man möge den Rezensenten der Ketzerei bezichtigen – melodische Spielerei hätten helfen können, das Debüt des Trios prägnanter zu gestalten. So aber bleibt es ein immerhin klanggewaltiges Genre-Abziehbild, das sich in seiner überzeichneten Ästhetik selbst karikiert.