Turbostaat und “Uthlande”: The North Remembers

Turbostaat gehen mit ihrem neuen Album nicht nur musikalisch zurück zu den Wurzeln. “Uthlande” vereint rohe, ungehobelte Punk-Musik mit echten, ehrlichen Geschichten und einer ordentlichen Prise nordischem Turbostaat-Charme.
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Uthlande. Das ist die nordfriesische Bezeichnung für die dem Festland vorgelagerten Inseln, Marschen und Halligen. Zu den Uthlanden gehört auch der Gründungsort von Turbostaat: die Gemeinde Husum in Schleswig-Holstein. Pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum gibt's also den nostalgisch verträumten Blick zurück? Von wegen! “Uthlande” fackelt nicht lang, spart sich derartige Gefühlsduseleien und geht von Anfang bis Ende voll nach vorne. Zuckende Bassläufe und Drums weit jenseits der 120-Bpm-Grenze treiben die Herzfrequenz nach oben, während düster verkühlte Gitarrenmelodien und der schneidende Gesang von Frontmann Jan Windmeier Eiskristalle in den Gehörgängen entstehen lassen. Von der auf dem Cover angedeuteten Idylle fehlt jede Spur. Verglichen mit dem Vorgänger “Abalonia” kommen die Songs geradliniger und eingängiger daher. Die Bassgitarre stellt oft das markanteste Feature der Songs dar und Windmeier lässt sich hier und da von seinen Bandkollegen Rückendeckung geben, die mit brüchiger Kopfstimme slogan-hafte Backing-Vocals zum Besten geben. Das ist sehr abwechslungsreich und verleiht den Songs eine Dynamik, die auch nach wiederholtem Konsum zu überzeugen weiß. Im Gegenteil, das Album entfaltet erst mit mehrmaligen Hördurchgängen sein volles Potential.

Denn was, wenn die Rückbesinnung zu den schrammeligen Punkrock-Wurzeln gar nicht das Highlight von “Uthlande” ist? Die größte Stärke der Platte liegt nämlich vor allem in ihren Geschichten. Das beginnt schon mit der Vorab-Single “Rattenlinie Nord”, die zugleich Opener des Albums ist. Eine Geschichte rund um eine Fluchtroute der Altnazis nach dem 2. Weltkrieg. Die wird hier so persönlich betroffen und mit einer derartigen Dringlichkeit erzählt, dass man den Frust der Bandmitglieder über diese Lokal-Tragödie und den Unglauben angesichts der gegenwärtigen Rückwärtsgewandtheit einiger Teile der Bevölkerung spürt, als wäre es die eigene Nachbarschaft, von der da gesungen wird. Ein Blick auf die Tracklist verrät, das Turbostaat ihre Vorliebe für verschrobene Songtitel auch auf dem siebten Album nicht abgelegt haben. Ein bisschen Recherche zeigt aber, dass hinter den Titeln eben doch immer auch eine Geschichte steht. “Schwienholt” ist beispielsweise der Name einer Gemeinde im Landkreis Flensburg-Schleswig, und “Nachtschreck” bezeichnet eine Schlafstörung, die sich vor allem durch häufiges Schlafwandeln äußert. Und auch die Namen, die hier und da als Songtitel herhalten, kommen nicht von ungefähr. So handelt es sich bei Stine um das “Husumer Original” Annelie Petersen. Die Kleinbäuerin, von allen nur “Stine Mett” genannt, war bekannt für ihre Eigensinnigkeit. Sie bewirtschaftete bis ins hohe Alter ihren Hof allein, weil ihr Gehilfe ständig besoffen war. Im Song erinnert die Band sich an das Unverständnis der Mitmenschen für Stine, personalisiert in Form des Schulbusfahrers, der sich über den Traktor aufregt. Gleichzeitig sprechen Turbostaat ihr aber auch ihre Bewunderung aus, dafür dass es ihr eben immer egal war, was alle anderen denken. Turbostaat verarbeiten diese Anekdoten mit einer solch selbstverständlichen Kryptik in ihren Songtexten, dass man nach jeder Runde, die das Album dreht, eine andere Geschichte ausgemacht hat, zu der man am liebsten jedes noch so kleine Detail erfahren möchte.

Die Geschichtenerzählerei wird auch auf musikalischer Ebene weiter fortgeführt. So finden sich immer wieder Querverweise unter den Songs. Kleine Elemente, die die Geschichten miteinander verbinden. So ist “Stormi” wohl einem anderen “Husumer Original” gewidmet: dem Autor Theodor Storm, bekannt unter Anderem für seine Novelle “Der Schimmelreiter”. Im Song findet sich ein gesampelter Kinderchor, der die Worte “und die meiste Zeit gehst du auch gern allein, und die Engel singen oben und bejubeln deinen Gang” singt. Diese Worte finden sich ebenfalls in Form von Backing-Vocals im Song “Luzi”. Der wiederum war, wie Turbostaat im Interview mit dem DIFFUS-Magazin erzählen, der Flensburger Stadt-Hippie und Ur-Enkel des besungenen Theodor Storm. Und es sind genau diese persönlichen, anekdotischen Geschichten, die “Uthlande” so lebendig machen. Und dann gibt es auch noch so verdammt viele davon. Mit ein bisschen Zeit und Googlelei lassen sich wohl zu jedem einzelnen der 12 Songs detaillierte Geschichten auftreiben. Das mag auch daran liegen, dass Turbostaat ihre Texte eher schwammig und vielsagend formulieren. Bestes Beispiel hierfür und weiteres Highlight der Platte ist der Track “Hemmingstedt”.

Hemmingstedt ist eine kleine Gemeinde in, wer hätt’s gedacht, Schleswig-Holstein. Das Dorf ist vor allem für zwei Dinge bekannt: Die Schlacht bei Hemmingstedt, in der im Jahr 1500 die Bauern der Region die Übermacht des dänischen Königs besiegten; und für eine der ältesten Erdölraffinerien Deutschlands. Im Song selbst ist unter anderem die Rede von “Naphtha”. das ist eine Bezeichnung für das Rohbenzin, eines der Zwischenprodukte bei der Erdölraffinerie. Weiter heißt es “so düster die Maschinenstadt, wie eine Dystopie”, und immer wieder “350 Grad”. Eine Anspielung auf die Unbeliebtheit der Raffinerie bei den Anwohnern, die sie gerne auch als die “Hölle” betiteln? Sicher wissen wir es wohl erst, wenn Turbostaat es uns sagen. Und so hinterlässt “Uthlande” neben Faszination vor allem den Willen nach mehr. Mehr Geschichten, mehr Anekdoten. Mehr “Uthlande”.

Fazit

8.2
Wertung

Turbostaat dringen mit ihrem siebten Studioalbum in erzählerische Breitengrade vor, die den Genre-Kollegen Spucke am Mikrofon gefrieren lassen dürften. 2020 könnte ein schweres Jahr für deutschen Punkrock werden. For there is only one King, and that’s the King in the North.

Kai Weingärtner
7.1
Wertung

Kryptische und anprangernde Botschaften, drückende Gitarren zwischen bedachten Parts und tiefgreifende Zugeständnisse, die Gevatter Punkrock hier an die weiteren Genres macht: „Uthlande“ ist ein reifes Studiowerk, welches bei aller Ernsthaftigkeit niemals die Freude am Hören raubt. Ein starker Auftakt für das Musikjahr 2020.

Marco Kampe