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Trade Wind - You make everything disappear

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Fr, 01.07.2016 - 18:22
in Phänomen, das uns in den letzten Jahren immer öfter begegnet, ist die Gründung sogenannter „Supergroups“: Mitglieder verschiedener, erfolgreicher Bands tun sich zusammen und setzen gemeinsam ein neues Projekt um, dass die Fertigkeiten aller Mitglieder einen und den ultimativen Sound kreieren soll. Viel zu oft sind diese Vereinigungen aber eines: Hohe Erwartungen schürende Ansammlungen großer Stars, deren seelenlose Ergebnisse schnell wieder in der Versenkung verschwinden.

Nun haben sich auch Jesse Barnett von Stick To Your Guns und Tom Williams von Stray From The Path an eine gemeinsame Band gewagt. Das Ergebnis aus dieser Zusammenarbeit war so nicht unbedingt zu erwarten, denn es ist unglaublich persönlich geworden. Man hat nicht den Eindruck, dass hier Superstars gemeinsam nach noch größerem Ruhm lechzen – hier haben Freunde gemeinsam Großes geschaffen.

Die Klänge, die Trade Wind anschlagen, erreichen lange nicht die brachiale Gewalt der Bands, aus der sie hervorgegangen sind. Die Gruppe konzentriert sich bewusst auf eine eher ruhige Atmosphäre, in der aber immer die brodelnde Wut durchklingt, die nach einem Ausbruch schreit. Man hat den Eindruck, Barnetts trauernde Seele zu hören, die nach Erlösung fleht – aber vergeblich bettelt. Die Momente, in denen die sanfte Dramatik schließlich doch durchbrochen wird, sind wohldosiert, und wirken umso explosiver. Trade Winds Musik ist emotional so aufwühlend, dass es stellenweise kaum zu ertragen ist – und doch kann man nicht aufhören, den Geschichten der Songs zu folgen.

Woher die Schmerzen der Musik rühren, wird beim Studieren der Texte deutlich. Barnett richtet seine Lyrik an eine verflossene Liebe, erzählt, was er durch die Trennung durchleiden muss. Seine Gefühle schwanken dabei zwischen der Bitte um Vergebung, dem Hass auf seine Vergangenheit und dem unbändigen Wunsch, alles wieder wie früher werden zu lassen. Der Protagonist scheint hin- und hergerissen zwischen seinen Emotionen, trägt unendliche Wut für die Taten seiner Geliebten in sich, und schließt am Ende des Albums doch verbittert mit einem „Je t’aimerais toujours“ – ich werde dich immer lieben. Die Situation erscheint ausweglos, und dass die Platte auf diese Art und Weise endet, ist schlichtweg erschütternd.

Die herausragende musikalische Umsetzung der Erzählungen trägt ihr Übriges zum Gesamtwerk bei. Die Kompositionen von Trade Wind zeugen von der großen Erfahrungen der einzelnen Akteure, hier verstehen Künstler ihr Handwerk. Die Arrangements wurden mit großer Sorgfalt und Fingerspitzengefühl zusammengefügt, es sind die kleinen Details, die „You Make Everything Disappear“ so fantastisch tiefgründig machen. Songs, die sich nur durch ein leises, verzerrtes Rauschen ankündigen und dann sanft in den Gehörgang wandern. Geschickte Spielereien mit originellen Harmonien und Wanderungen in Halbtonschritten. Barnetts starke Gesangsleistung, die auch vor Ausflügen in die Kopfstimme nicht Halt macht. Ein komplexer Spannungsbogen, der über das gesamte Album konzipiert ist und so eine Einheit formt. Welche Dimensionen das Ganze erreicht, wird spätestens klar, wenn eine simple Zeile wie „I miss you so much“ so dermaßen ehrlich und intensiv klingt, dass man den Sänger am liebsten in den Arm nehmen möchte. Der vielleicht tiefgreifendste Moment der Platte, der ganz zum Schluss noch einmal leise im Hintergrund zitiert wird und so die Wirkung der Worte nachdrücklich unterstreicht.

Man könnte „You Make Everything Disappear“ nüchtern als eine halbe Stunde übermäßig gut geschriebene, grandios arrangierte und sauber produzierte Musik betrachten, was zweifelsohne zutreffen würde. Doch es würde dem Werk von Trade Wind nicht einmal ansatzweise gerecht werden. Keine Beschreibung der Welt kann erklären, wie echt und bedrückend die Band die Geschichte einer Trennung in nur acht Songs erzählen kann. Dieses Album erinnert auf schmerzhafte Art und Weise daran, wie tief einen Liebe fallen lassen kann. Lasst uns daran denken, dass wir die Hoffnung nie aufgeben sollten, egal wie weit entfernt der Horizont zu sein scheint. Und lasst uns Anderen helfen, die gerade durch ein solch tiefes Tal wandern. Es ist schön, nicht allein zu sein.