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Trade Wind und „Certain Freedoms“: Das Nachbeben

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Mo, 22.04.2019 - 11:54
Nach einem emotionalen Fegefeuer wie dem Trade-Wind-Debüt „You Make Everything Disappear“ kann nichts mehr so bleiben, wie es war. Das Quartett beginnt diese post-traumatische Stunde Null mit einem melancholischen Seufzen.

2016 schufen Trade Wind mit ihrem Debütalbum ein monumentales Trennungswerk, das Frontmann Jesse Barnett aus realen Erlebnissen abgeleitet hatte. Barnett hatte auf der Platte mit frappierender Ehrlichkeit seine ausweglose Gefühlstiefe beschrieben, peitschte verzweifelt zwischen Aggression und Schmerzbewältigung hin und her und kam letztendlich nur zu der Erkenntnis, dass er seiner Sehnsucht immer ausgeliefert sein würde. Die schwermütigen Emotionen von „You Make Everything Disappear“ saßen so tief, dass ein schlichtes Weitermachen kaum möglich schien. „Certain Freedoms“ muss sich deswegen der waghalsigen Aufgabe stellen, einen angemessenen Weg aus diesem kummervollen Dilemma zu finden. Trade Wind suchen diesen Pfad im verklingenden Moll-Akkord der vergangenen Erfahrungen. Das zweite Album der Band ist die Suche nach dem Leben danach, das die Vergangenheit endlich akzeptieren kann.

Dass das Quartett nicht mehr in der Ära der unmittelbaren Trauerphase spielt, hört man „Certain Freedoms“ bereits rein klanglich an. Schon „You Make Everything Disappear“ war musikalisch weit von den sonstigen Sound-Heimaten der Bandmitglieder gewesen, die außerhalb von Trade Wind noch bei Stick To Your Guns oder Stray From The Path spielen. Klang beim Debüt aber dennoch immer wieder ein wütend brodelnder Tonus durch, so ist dieser auf „Certain Freedoms“ fast vollständig verschwunden. Stattdessen bestimmen sphärische Indie-Pop-Weiten das Soundbild. Auch diese waren im Vorgänger schon angeklungen, sind nun aber wesentlich ausdifferenzierter. In „I Can‘t Believe You‘re Gone“ starten Trade Wind zum Beispiel mit sanften Lounge-Piano-Arpeggios, die allmählich zu einem weichen Reverb-Crescendo anschwellen. Die Arbeit mit weit ausgelegten Spannungsbögen innerhalb der Songs erfährt auf „Certain Freedoms“ einen deutlichen Schub, was sich zum Beispiel in der dramatischen Erhebung von „Close Encounters (On The 3rd Floor)“ zeigt. Hier führen Trade Wind ihre Klangästhetik resultierend in Gefilde von annähernd shoegaziger Größe. Dieses Momentum findet die Band besonders gut auch in „How‘s Your Head“, das seine Dynamik von beinahe singulär-perkussiver Untermalung zu großen Sound-Schichten erhebt.

Aus diesen gestalterischen Elementen spricht die allgegenwärtige Melancholie der Platte, die Barnett auch in seinen Texten verkörpert. Die nachhallende Trennung scheint ihn weiser, aber nicht weniger verletzlich gemacht zu haben. In „I Can‘t Believe You‘re Gone“ kommt diese Ambivalenz mit pointierter Genauigkeit zur Sprache. Immer öfter scheint Barnett nicht mehr zu sich selbst zu sprechen, sondern Ratschläge zu geben. So singt er im Refrain des Songs: „Don‘t look back, there‘s no reason/ What‘s in the past is forgiven“. Im Resultat scheint dieses Zureden aber nur eine Bekräftigung seiner selbst zu sein, die trotzdem in der unausweichlichen Haltlosigkeit endet: „But every time I open my eyes/ I can‘t believe you‘re gone.“ Barnetts Erlebnisse sind noch nicht überwunden, erfahren aber langsam eine Akzeptanz. In „No King But Me“ erinnert sich der Sänger daran, sich selbst und damit auch sein eigenes Wohl zu priorisieren – wünscht sich in „Moonshot“ aber gleichzeitig, ganz fern von seinen Sorgen zu sein. Der Zwiespalt zwischen neuem Mut und noch immer nachklingender Trauer ist auf „Certain Freedoms“ die Quintessenz. Aus ihr leiten sich alle Texte und klanglichen Entscheidungen ab. Im Endresultat steht ein Album, das noch immer in der Schwere steckt, aber allmählich neue Hoffnung fasst. Trade Wind gelingt es erneut, Gefühle mit derartiger Genauigkeit abzubilden, dass es einem den Atem verschlägt. „Certain Freedoms“ ist die nächste Stufe einer langwierigen Katharsis, die dem kaum zu ertragenden Schmerz von „You Make Everything Disappear“ den einzigen logischen Schluss entgegenstellt: Es muss irgendwie weitergehen.