Touché Amoré - Stage Four

Im Leben eines jeden Musikfans finden sich immer wieder die Momente, in denen ein Song, eine Platte oder eine Band die eigene Seele mit mehr bewegt als nur mit großartiger Musik. Es sind diese Werke, in denen Künstler mit ihren Klängen Geschichten erzählen, die Mark und Bein erschüttern und so gewaltig sind, dass es unmöglich ist, die CD nur als Hintergrundbeschallung laufen zu lassen. Solche Geschichten auf Albumlänge sind selten. Doch Touché Amoré ist mit „Stage Four“ ein solches Werk gelungen.

Der Hintergrund der neuesten Platte des amerikanischen Post-Hardcore-Gespanns könnte schrecklicher kaum sein: Das Werk erzählt vom frühen Krebstod der Mutter von Sänger Jeremy Bolm. Die Trauer um einen geliebten Menschen ist ein unsagbar schweres, schmerzhaftes und auch komplexes Gefühl, welches nur sehr schwer in Worte zu fassen ist. Umso unfassbarer wirkt dieses Album, das Bolms Schmerzen mit derartiger Tragik verkörpert, dass das Anhören der Platte stellenweise eine ungeheure Last darstellt. Man mag sich kaum vorstellen, wie schwer die Aufnahmen für den Frontmann gewesen müssen.

Musikalisch lebt „Stage Four“ von Post-Hardcore in einer solchen Feinfühligkeit, wie er nur selten zu hören ist. Jeremy Bolms verzweifeltes Geschrei klingt roh, erschütternd und transportiert ein Gefühl von endloser Sehnsucht und Trauer. Dazu gesellt sich eine instrumentale Gestaltung, die sich nur in den Momenten der tiefsten Trauer brachial gibt und sich ansonsten durch kleine, zarte Melodien auszeichnet, die wie musikalische Gedichte an die Verstorbene klingen. Die elf Songs des Albums behandeln dabei alle verschiedene Dimensionen von Bolms Trauer, die es in ihrer Variabilität tatsächlich schaffen, all die undurchschaubaren Ebenen des Vermissens aufzuzeigen. Das Hadern mit sich selbst, wenn einem alle Fehler und Konflikte wieder einfallen. Das Unverständnis, wieso die Welt so ungerecht ist. Das Vermissen der Liebe und Güte der dahingeschiedenen. Die Frage, wie es weitergehen soll. Spätestens wenn Bolm im letzten Track „Skyscraper“ seiner Mutter ihre Lieblingsstadt New York in einem unglaublich herzzerreißenden Crescendo widmet, steigen einem die Tränen in die Augen. Ein unglaublicher Song, der das Album mit Gänsehaut abschließt und mit einer unendlichen Liebeserklärung an die Verstorbene einen mehr als würdigen Abschied gibt. Dass diese sich dann mit ihrer letzten Sprachnachricht noch einmal selbst zu Wort meldet, ist der letzte Stich ins Herz.

Welche Gefühlswelt Touché Amoré in „Stage Four“ versammelt haben, lässt sich in einem Text kaum zu Papier bringen. Dafür ist die Trauer um einen geliebten Menschen viel zu vielschichtig und kompliziert, die Schwere eines solchen Verlustes zu gigantisch. Das neue Album der Kalifornier vereint schmerzerfüllte Lyrik mit einer poetisch-aggressiven Musiklandschaft, die in ihrer Feinsinnigkeit ihresgleichen sucht. Ein Album, das schonungslos von den schwersten Momenten des Seins erzählt, und einen verwirrt, traurig, aber auch demütig und dankbar zurücklässt. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann, und eine der ergreifendsten Platten des Jahres.