Tool und "Fear Inoculum": Kommt Zeit, kommt Album

Es gibt Bands, die veröffentlichen jährlich ein Album. Andere brauchen ein paar Jahre. Und dann gibt es Tool. Die haben mal eben 13 Jahre gebraucht. Ob sich das Warten gelohnt hat, ist eine Frage der Sichtweise.

Tool gehört zu den Bands mit den treusten Fans, die beinahe sektenhaft alles zelebrieren, was Maynard James Keenan und seine Band veröffentlichen. Für den Rest der Musikwelt ist Tool teils ein Rätsel, teils überbewertet und teils einfach gut. Das liegt nicht zuletzt an der Egozentrik des Frontmannes, aber auch an der Gate-Keeping-Attitüde einiger Fans. Objektiv betrachtet machen Tool seit ihrer Gründung 1990 progressiven Alternative-Metal und loten dabei Grenzen in Sachen Songlänge aus. So gilt der Titelsong des Albums „Fear Inoculum“ als der längste Song, der es je in die Top 100 geschafft hat, dabei ist dieser mit etwas mehr als zehn Minuten Spielzeit noch nicht einmal der längste Track des Albums.

Ausgedehnte Melodien und hypnotische Riffs erhalten bei Tool stets ihren Raum und werden nicht gegen Radiotauglichkeit eingetauscht. Hinzu kommen Texte, welche teils vertrackt-amüsant, aber auch depressiv-ernsthaft sein können. Die Songs sind ausschweifend, wirken manchmal sperrig und eröffnen sich erst nach mehrmaligem genauen Hinhören vollends. Diese Formel hat sich über die Jahre nicht wirklich geändert, auch wenn manch einer unterstellen mag, dass die Band etwas von ihrer Sperrigkeit verloren habe und „poppiger“ geworden sei. Hört man sich „Fear Inoculum“ an, scheinen diese Aussagen kaum wahr. So ist beispielsweise „7empest“ ein beinah 16-minütiger Prog-Rock-Epos mit typischen düsteren Tool-Sound, direkt gefolgt von dem obskuren „Mockingbeat“, eine Mischung aus Vogelgeräuschen, Trap-Beat und Scratch-Sounds. Popmusik klingt anders.

Immer wieder überrascht das Album mit Ideen, die die Hörerschaft aus dem dunklen Loch herausreißen, in welches sie Maynard zuvor gesungen hat. Dennoch wirkt das Album wie aus einem Guss und kein Song  und sei dieser auch noch so merkwürdig – scheint wirklich unpassend. Selbst „Litanie contre la Peur“, zu Deutsch „Litanei gegen die Angst“ – ein Zitat aus Frank Herberts „Der Wüstenplanet“, das klingt wie eine Vocoder-Orgie , fügt sich beim zweiten Durchhören des Albums bereits in den Fluss, den „Fear Inoculum“ bildet. 

Das 2001 veröffentlichte „Lateralus“ war das erste Album der Band, welches den ersten Platz der Charts erreichte. Auch der Nachfolger „10.000 Days“ schaffte dies und vermutlich wird auch „Fear Inoculum“ die Charts zumindest für ein paar Tage anführen, schon allein, weil die Band nach so langer Zeit obwohl, oder gerade weil es so lange dauerte, ein riesiges Medienecho erreicht hat.

Am Ende erfüllt „Fear Inoculum“ vermutlich die Erwartungen. Nicht mehr, nicht weniger. Es klingt wie der logische Nachfolger von „10.000 Days“, allerdings nicht unbedingt nach 13 Jahren Wartezeit dazwischen. Ein zu ignorierender Kritikpunkt, weiß man ja um Maynards andere Projekte. Ein neues „Schism“ wird man hier nicht finden, aber wer Tool mag und „10.000 Days“ gern gehört hat wird auch mit dem neuen Album gut zurecht kommen. Zugleich könnte „Fear Inoculum“ aber auch Neulingen die Tür in das Reich von Tool öffnen. Eine gelungene Gratwanderung, die so vielleicht niemand erwartet hatte.

Fazit

7
Wertung

Ich hab den Hype um die Band nie verstanden, vielleicht weil der Platz für exztentrische Rockmusiker mit Trent Reznor bei mir schon belegt ist. Ich kam nie wirklich an Tool heran, aber mit „Fear Inoculum“ könnte sich das ernsthaft geändert haben. Ein interessantes Album, was mich mehr begeistert hat, als ich erwartet hatte.

Johannes Kley