Tom Morello und „The Atlas Underground“: Warum man Musik hassen sollte

Das denkbar schlechteste Zeichen beim Hören der neuen Tom-Morello-Platte: Man sehnt sich dabei nach einem Prophets-Of-Rage-Album.
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Niemand, wirklich niemand hätte etwas dagegen, wenn sich Rage-Against-The-Machine-Legende Tom Morello dazu entscheiden würde, musikalisch neue Bahnen einzuschlagen. Das selbstbetitelte Debüt seines aktuellen Hauptprojekts Prophets Of Rage wirkt schließlich gerade deswegen so fahl wie abgestandenes Bier, weil es sich lediglich nach einem lauwarmen Aufguss der mittlerweile ewig durchgekauten Revolutions-Hymnen aus den 90ern anhört. Und dann kommt Morello plötzlich mit „The Atlas Underground“ um die Ecke, einer Platte, die in seinem offenbar äußerst beschränkten Horizont wirklich alles anders als bisher macht. Nur muss einer der vermeintlich besten Gitarristen der Welt dafür wirklich auf die unterste Stufe der Niveau-Leiter klettern.

Ernsthaft: Wie hart muss man in der Midlife-Crisis stecken, um auf die Idee zu kommen, als ausgedienter Rockstar mit Steve Aoki zusammenzuarbeiten? Und was für ein übler Kerl ist eigentlich Steve Aoki, der nach Linkin Park jetzt schon zum zweiten Mal verbitterte Opas in diesem Gefühl bestätigt? „The Atlas Underground“ ist ein Arschgeweih eines Albums: schon peinlich, wenn man es sich in einem Anfall von rebellischem Wagemut als freimütiger Jugendlicher stechen lässt, aber noch schlimmer, wenn man damit auf einer Ü50-Party seinen Swag beweisen möchte.

Denn wenn die Songs dieser Platte eines gemeinsam haben, dann mit Sicherheit, dass nur Morello diese ernsthaft für cool befinden könnte. Man nehme zum Beispiel einmal den mit dem australischen Dubstep-Duo Knife Party produzierten Album-Opener „Battle Sirens“, der tatsächlich noch zu den besseren Songs auf „The Atlas Underground“ gehört: Wer immer noch glaubt, autistische Dröhn-Bass-Drops seien das Allheilmittel für jede zeitgenössisch-kommerzielle Platte, der hat wohl verpasst, dass sich selbst Mainstream-Urvater Skrillex mittlerweile mit Diplo zusammengetan und musikalisch andere Sphären eingeschlagen hat. Im Universum eines Tom Morello sind Knife Party aber wohl noch immer der ganz neue heiße Scheiß. Immerhin: Irgendwo hat der ehemals so gegen die Machine ragende Morello wohl aufgeschnappt, dass Autotune gerade extrem hip ist. Deswegen gibt es auf „The Atlas Underground“ auch einen Song mit Vic Mensa, der nur weder trendig im Trap noch sonst irgendwie gut ist.

Tom Morellos Unfähigkeit, den aktuellen Zeitgeist zu begreifen, merkt man vor allem daran, dass er auf seinem eigenen Solo-Album das mit Abstand kleinste Licht ist. Teilweise fällt es tatsächlich schwer, seine Anwesenheit überhaupt zu bemerken. Wer denkt, das aktuelle Alt-J-Remix-Projekt hätte schon relativ wenig mit seinen Urhebern zu tun, der hat noch nie das „Finde das Morello-Riff“-Suchspiel mit „The Atlas Underground“ gespielt. Es wirkt, als hätten Aoki und Konsorten den süßen senilen Herrn von nebenan ein bisschen über ihr Playback spielen lassen, damit der in seinem Leben mal wieder ein paar andere Freuden als Bingo und vertrocknete Kekse zum Altersheim-Kaffee hat. Gegen dieses Album wirkt selbst Linkin Parks „One More Light“ wie der authentische Versuch einer Band, sich neu zu finden. So traurig das ist: Einer der einst wagemutigsten Systemkritiker der Musikbranche sorgt mit diesem Album für den mit Abstand schlimmsten Kommerz-Blödsinn des Jahres.

Fazit

0.8
Wertung

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um meinen Redaktionskollegen Moritz zu grüßen: Wenn du echt denkst, dich hätte es Anfang des Jahres mit Haiyti schwer getroffen, dann kann ich darüber nur lachen. Haha. HA. HA.

Jakob Uhlig