Tom Morello und „The Atlas Underground Fire“: More Morello

Tom Morello wird sich nie ändern. Das mag manch einer als echte künstlerische Standfestigkeit wahrnehmen, sorgt aber schlussendlich nur dafür, dass der Rage-Against-The-Machine-Gitarrist nicht mehr so richtig in diese Welt passen will.
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Die Vorzeichen für Tom Morellos neues Soloalbum „The Atlas Underground Fire“ sind nicht unbedingt die allerbesten. Konzept, Artwork und sogar der Titel könnten kaum expliziter machen, dass es sich bei dieser Veröffentlichung um einen direkten geistigen Nachfolger zu Morellos „The Atlas Underground“ aus dem Jahr 2018 handelt, dem man durchaus unterstellen könnte, eines der schlimmsten Alben des vergangenen Jahrzehnts zu sein. Schon dort hatte Morello mit zahlreichen anderen Künstler:innen Kooperationen angefangen, die so gar nicht zu ihm passten und die stilistisch obendrein selbst etwas aus der Zeit gefallen schienen. Altgediente Rockstars auf dem Weg in die Midlifecrisis und EDM-DJs sind tendenziell eine ziemlich tödliche Kombination des schlechten Geschmacks. Drei Jahre später hat Morello nun also ein neues Werk mit ähnlichem Konzept fabriziert und es bleibt die Frage: Kann es noch schlimmer kommen?

Man kann Morellos Rolle für die Entwicklung der Gitarrenmusik der 90er kaum überschätzen. Sein Stil auf dem Debüt von Rage Against The Machine war revolutionär, seine Techniken so originell wie einnehmend, seine Riffs zugleich eingängig, fordernd und mitreißend. Das Grundproblem des New Yorkers ist seitdem allerdings, dass dieser Stil seine einzige Idee bis ins Jahr 2021 bleibt und auf allen seinen Projekten nie Morello derjenige war, der etwas Neues probiert hatte, sondern immer die Menschen um ihn herum. Audioslave? Rage Against The Machine mit Chris Cornell statt Rap. Prophets Of Rage? Rage Against The Machine als mittelgute Rage-Against-The-Machine-Coverband. Tom Morello solo? Ohne Worte. Morello ist wie die Person, die man nach 30 Jahren auf einem Klassentreffen wiedersieht, die sich aber immer noch genau wie damals auf dem Abiball benimmt.

Was also ist „The Atlas Underground Fire“ nach all diesen fragwürdigen Hiobsbotschaften? Zumindest scheint Morello auf seiner neuen Solo-Veröffentlichung nicht mehr durchgängig auf Krampf zu versuchen, seinen Stil in flippige Dubstep-Drops zu quetschen. Stattdessen ist der auf das Intro folgende Opener des Albums das massivste Boomer-Projekt, das man sich nur irgendwie vorstellen kann: Tom Morello covert „Highway To Hell“. Mit Eddie Vedder. Und Bruce Springsteen. Das klingt so überzeichnet, dass man es eigentlich für ausgedacht halten muss, aber genau so startet „The Atlas Underground Fire“ tatsächlich. AC/DC-Adaptionen sind vielleicht sogar für Morello etwas zu viel, aber immerhin wirkt hier nichts völlig deplatziert, das Ganze ist höchstens ziemlich langweilig. Auszeichnen tut sich diese Platte vor allem durch die Tatsache, dass sich wirklich völlig verschiedene Kollaborationen Song für Song aneinanderreihen. Dadurch hat man beim Hören deutlich öfter (mehr oder weniger erfreuliche) Überraschungsmomente, bekommt aber gleichzeitig das Gefühl, hier eher einer Compilation als einem zusammenhängenden Album zu lauschen. Insofern passt es gut, dass auch Bring Me The Horizon auf einem Track ihre Aufwartung machen. „Let’s Get The Party Started“ passt ins jüngste Schema der Sheffielder, in dem einfach ein stumpfer Banger dem nächsten folgt. Tut keinem weh, aber rüttelt auch niemanden auf.

Neben recht viel Müßiggang mit Morello-Touch gibt es dann zwischendurch auch noch kleine Reminiszenzen an die schlimmen Geschmacksverwirrungen des Vorgängers. „Charmed I’m Sure“ mit Protohype als Gast ist genau die Art von schlimmem Rock-Electronic-Gewobbel, das schon vor drei Jahren schrecklich aus der Zeit gefallen klang. In diesem Moment kurz vor Schluss will man „The Atlas Underground Fire“ dann doch wieder einfach nur furchtbar finden, obwohl das meiste Vorgeplänkel eher uninteressant als unerträglich ist. Etwas versöhnlich stimmt da höchstens das abschließende Acht-Minuten-Instrumental „On The Shore Of Eternity“, das mit seinen generischen Drums manchmal etwas nervt, aber insgesamt tatsächlich nach Neuland in Morellos Diskographie klingt. „The Atlas Underground Fire“ ist so am Ende des Tages so keine wiederholte Vollkatastrophe, aber interessieren wird dieses farblose Projekt im Jahr 2021 wohl auch niemanden.

Fazit

3.5
Wertung

Vielleicht muss man einfach aufhören, Tom Morello für seine neuen Projekte böse zu sein. Innovation bringen heute einfach andere in die Welt der Rockmusik – auch, wenn man sich beim Hören von „The Atlas Underground Fire“ manchmal fragt, ob Morello das anders sehen würde.

Jakob Uhlig
3
Wertung

Während Morello mit seinem letztem Album zumindest darauf hoffen konnte, einige hängengebliebene Dubstep-Kids abzufangen, ist "The Atlas Undergrund Fire" nun wirklich keine Musik für niemanden mehr. Nicht mal als belangloser Soundtrack zum Pumpen kann diese Platte noch taugen, doch für reine Boomer-Nostalgie gibt es dann doch wieder zu viel Geballer. Sollte man Tom Morello jetzt noch beibringen, dass Compilations in Zeiten von Playlists nicht mehr der ganz heiße Scheiß sind? Vielleicht nicht. Vielleicht wird es Zeit, aus Pietätsgründen den Mantel des Schweigens über diese Alben zu legen - oder sie gleich unter dem Grabstein seiner musikalischen Karriere zu verbuddeln. 

Felix ten Thoren