Tarek K.I.Z. und "Golem": MOHA

Ein Album wie das MOHA, das "Museum of Horrible (Human) Art". Tarek K.I.Z. wird auf seinem Solo-Debüt „Golem“ zum Kettenhund des Deutschrap und gibt sich erst zufrieden, wenn auch der letzte Knochen abgenagt ist.
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Der Ursprung des Wortes „Golem“ ist schon einmal sehr interessant, denn im dritten Reich bezogen sich viele Soldaten auf die Figur des Golems, allerdings ohne zu wissen, was das überhaupt ist. In ihren Augen war es eine Art abartiger Übermensch, groß, hässlich und blutrünstig. Weit gefehlt. Der Golem ist eine jüdische Figur, erstmals erwähnt im Buch „Sefer Jetzira“ der Kabbala. Hier wird ein Ritual erwähnt, das durch Zahlenmystik unbelebte Materie zum Leben erwecken kann. Und so wird der Golem als Kettenhund beschworen, der seine Kraft aus der Gedankenwelt seines Herren und Meisters bezieht. Aus seinen Träumen und seinen Traumata. Auch heute spielt er im Fantasy eine große Rolle, meistens mit dem Ende, dass sich der Golem gegen seinen Meister stellt.

Und auch wenn er sich nicht als solcher benennt, so ist Tarek auf seinem Debüt der Golem. Wer K.I.Z. kennt, der weiß, dass sich die Herrschaften für absolut keinen Witz zu schade sind, egal wie hart sie die Grenze des Geschmacklosen passieren, sie nehmen sich raus zu sagen was sie wollen. Meist unter dem Deckmantel der Ironie. Doch damit scheint jetzt Schluss zu sein.

Denn die knallharten Bilder, die Tarek auf „Golem“ ausstellt, sind beängstigend nah an der Realität. Sei es der Selbstmord, der aber die morgendliche Tristesse des alltäglichen Berufsverkehrs nicht stören soll in „Ticket hier raus“, oder harte Drogengeschichten wie in „Weißer Drache“ oder „Kaputt Wie Ich“. Auch wenn der übliche K.I.Z.-Humor in den Formulierungen mitschwingt, so hält der Inhalt die grausame Realität bereit. Selbst Tracks, die Hoffnung versprühen wollen, schaffen das nicht, denn auch hier: Die Realität kriegt dich immer. „Nach wie vor“ skizziert ein Leben am absoluten Tiefpunkt, doch der Protagonist hat nichts als Selbstverklärung zu bieten.

Doch damit natürlich nicht genug. „Letzte Chance“ eröffnet den Blick auf häusliche Gewalt. Der Blickwinkel wechselt vom Opfer zum Täter. Vom eigenen Kind, zum Ehemann, zum Sozialarbeiter vom Jugendamt. Das ist so schon unfassbar traurig, aber unter dem Gesichtspunkt, dass Tarek selbst von seinem Stiefvater verprügelt wurde, gibt dem Track eine schier unendliche Schwere.

Auch das Ende der Platte schafft es nicht, eine wunderschöne Geschichte gut zu Ende zu bringen. Wie er von seinen letzten Erinnerungen seines verstorbenen Vaters erzählt. Wie er erzählt, wie sein Vater, sterbenskrank, ein K.I.Z.-Konzert in der Wuhlheide im strömenden Regen beobachtete und nicht im überdachten Bühnenbereich, einfach, damit er ihn besser sehen kann. Wie er von den letzten Spaziergängen erzählt, von der Zeit am Krankenbett des Vaters. Es sind die Worte eines liebenden Sohnes. Sie sind wunderschön und doch todtraurig.

Tarek Ebéné ist sein eigener Golem, der von seinen Geschichten zehrt und daraus ein Album gemacht hat, das es nicht nur wagt tief in die menschlichen Abgründe zu schauen, sondern gekonnt hinunter rotzt.

Fazit

8.3
Wertung

Da können einem schonmal die Worte verloren gehen. Die Texte auf „Golem“ lenken so sehr vom restlichen Geschehen ab, sowas habe ich noch nie erlebt. Und so sehr es einen runterzieht, so oft muss man sich diese Reflektion des Menschen und der Gesellschaft anhören, um sich ihrer vollen Bedeutung bewusst zu werden. Und all das mit unerwartet viel Gefühl.

Moritz Zelkowicz
7.7
Wertung

Loslösung von der Crew, Ablegung des Ironie-Panzers, persönliche Texte, 808’s, melodisches, bisweilen beißendes Autotune, bis hin zum Koks-Song – vieles an Tareks Album erinnert an Yassins jüngstes Soloprojekt „Ypsilon“. Und es ist auch ähnlich gut gelungen.

Felix ten Thoren