Stand Up Stacy und "Heroes and Heroins": Mehr!

Die Münchner Pop-/Post-Punk-Formation Stand Up Stacy ist nach zwei Jahren mit ihrem Album „Heroes and Heroins“ zurück auf der Bildfläche und überzeugt (wieder) auf ganzer Linie mit spannenden Features, ausgeklügelten Riffs und einer großen Portion Bock auf mehr.
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Die Stimme von Sänger Uwe erinnert durch seine besondere Stimmfarbe zeitweise an Ben Kowalewicz von Billy Talent und bietet dementsprechend ähnlichen Wiedererkennungswert. Fans von Billy Talent oder - musikalisch passender - Sum41 werden mit diesem Album auf ihre Kosten kommen und trotz vermeintlicher Ähnlichkeit schaffen die Stacies definitiv etwas Eigenes, etwas wirklich Besonderes. 
Das etwa halbstündige Hörerlebnis bietet absurd große Varianz, einige Chorusse bleiben wahrscheinlich Monate im prefontalen Cortex hängen, mitsingen muss man spätestens ab dem zweiten Mal Hören. Treibende Gitarren, gut abgemischte und schnelle Drums sowie öfter auftretende, melodische Backing Vocals schaffen den typischen Poppunk-Klangteppich, von dem Uwes Stimme perfekt passend untermalt wird. 
Jeder einzelne Track sticht für sich aus dem Album heraus, mal durch Shouts, durch besonders sanfte Melodien, emotionale Texte oder spannende Featuregäste, die ihren eigenen Charme perfekt einweben und trotzdem befindet sich am Ende ein schlüssiges Gesamtpaket auf dem Plattenteller. Die Featuregäste stehen so sehr für sich selbst, bringen ihre eigenen Klangfarben und Stile ein und trotzdem klingen die Songs, als gehörten die jeweiligen Sänger schon immer zur Formation. Kle von Things That Need To Be Fixed (hier übrigens auch schon mal UDR-Gast gewesen!) ergänzt Uwes Gesang im Song „Slip Away“ durch locker gerappte Strophen, Tim von Devil May Care (ebenfalls gern gesehene Gäste bei uns) garniert „Where It All Ends“ mit perfekt passenden Shouts und emotional drückendem Gesang, wie man das auch von den eigenen Veröffentlichungen kennt und der Hamburger Pop-Punk-Artist Zirkel schafft durch die geballte Pop-Punk-Energy beider Sänger eine spannende Ergänzung zu „The Playlist Song“. 

Getreu dem Motto, dass jeder Track etwas Besonderes innehat, beenden die Münchner das Album mit „Til We See Us Again“, bei dem nicht nur Uwe ganz anders klingt, als auf dem restlichen Album, plötzlich werden die Akustikgitarren und Streicher rausgeholt und schließen das Album gelungen ab. Musikalisch der vermeintlich einzige Kritikpunkt: Ob man bei 33 Minuten Albumlänge wirklich eine Interlude braucht, bleibt fraglich, mit dem fast zweiminütigen Track zeigt die Band vielleicht auch einfach, dass sie auch Soundtrack können. Klingt nämlich wirklich gut, inklusive Meeresrauschen oder so, auch wenn es fast schade ist, die vorher mühsam aufgebaute, geballte Energie so abrupt zu bremsen. Der folgende, ruhiger beginnende Song „Call To Arms“ liefert aber auch die Erklärung, warum dieses Stilmittel eingesetzt werden musste.

Musikalisch werden also alle möglichen Register gezogen - doch auch thematisch jonglieren die Münchner positive wie negative Texte gekonnt. „Where It All Ends“ handelt laut Pressetext zwar von „Toxizität“, der Text liest sich aber fast wie ein Gefühlsausdruck kompletter Verzweiflung und psychischer Ungesundheit. „And now you can’t escape (yourself)“, man brauche nur einen weiteren Grund, um einfach alles hinzuschmeißen, „(and now it feels like) this is where it ends“ - ein harter Text über dem musikalisch vielleicht stärksten Track des Albums. Auf der anderen Seite singt Uwe in „Queens“ (dem in dem Genre obligatorischen Lovesong?) von unfassbar starker Liebe, und dem, was man für die andere Person geben würde. Dem gegenüber steht mit „All For You“ ein heftiger Liebeskummersong mit Zeilen wie „You got nothing more to give and I can’t stand one more moment being in this room and close to you“, der auch musikalisch sehr schmerzhaft eindrücklich und mit einer Nachvollziehbarkeit ohnegleichen vermittelt, wie sich so eine Situation anfühlt. 

Fazit

8.3
Wertung

Stand Up Stacy schaffen wieder ein Gesamtkunstwerk, noch mehr eine Einheit als das Vorgängeralbum. Jeder einzelne Track ist es wert, gehört (und geliebt) zu werden, so viele für sich stehende und dennoch zusammenpassende Songs auf ein Album zu verpacken, ist eine Fähigkeit für sich. Spaß macht es, Mitsingen ist Pflicht und gleichzeitig fühlt man die emotionalen Parts vielleicht zu sehr mit - und auch das ist, wie gut gemachte Musik sein sollte.

Jannika Hoberg