Sólstafir und „Endless Twilight of Codependent Love“: Schon speziell

Sólstafir sind eine isländische Band, die sich in keine Schublade stecken lässt. Mit ihrem neuen Album „Endless Twilight of Codependent Love“ beweisen sie einmal mehr, dass sie sich an keine musikalischen Regeln halten und erst recht nicht an Genres oder Stilvorgaben.
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Sólstafir bedeutet aus dem Isländischen übersetzt „sich ausbreitende Sonnenstrahlen“ – es gibt im Deutschen dafür typischerweise keine wörtliche Übersetzung. Das kann symbolisch auch dafür stehen, dass es für Sólstafir keine wirklich passende Einordnung in ein Genre oder eine Musikrichtung gibt. Die vier Isländer bewegen sich irgendwo zwischen Alternative Rock und ruhigeren Klängen des Post-Rock, und das, nachdem sie 1994 eigentlich fast stereotypisch mit Viking- und Black Metal angefangen haben.

Heute klingen sie deutlich weicher, mystischer und maximal atmosphärisch. Genau wie die Vorstellung vieler Menschen von Island. Die geschaffene Aura des Albums ist etwas wahnsinnig besonderes und kaum in Worte zu fassen. An diese weichen Klänge schließt sich der Gesang an, der oft auch ohne Text nur mit Lauten einfach Atmosphäre erzeugt und mal total leidend klingt. Es finden sich auch Shouts und weniger ruhige Elemente auf dem Album, aber die großen, weiten, fast orchestralen Klänge überwiegen dann doch. Müsste man eine Definition für „Progressive“ finden, dann wäre dieses Album dafür perfekt. Keine klar erkennbare Struktur in den meisten Songs, ganz weit weg vom typischen „Vers, Chorus, Vers“ Aufbau. Die Tracks sind teilweise massiv lang, der Albumauftakt „Akkeri“ bringt über zehn Minuten Länge auf die Platte. „Dyonisus“ tastet sich etwas weg von der atmosphärischen Ruhe und hin zu rockigeren Sounds, fast unter Metal einzuordnen. Das Schlagzeug ist hier deutlich präsenter, teilweise sogar schnell und treibend, zum Mitnicken anregend, und auch die Shouts und Gitarrensoli sind von zarter Aggressivität geprägt.

Textlich lässt sich aus erster Hand wenig bis gar nichts sagen, da die Lyrics ausnahmslos auf isländisch verfasst sind. Traut man den Erläuterungen des Labels, singt Aðalbjörn Tryggvason von der spirituellen Verbindung zur Natur, aber auch von psychischen Erkrankungen und etwa Alkoholabhängigkeit. Es wird versucht, das Tabu zu brechen, dass Männer nicht über ihre Ängste oder eben psychische Erkrankungen sprechen dürfen, weil sie dann schwach und weniger „männlich“ wirken beziehungsweise gesellschaftlich so wahrgenommen werden – dieses Problem wurde auch 2020 immer noch nicht überwunden. Umso besser, dass Sólstafir sich dessen annehmen, wenn auch in einer Sprache, die knappe 300.000 Menschen beherrschen. Die Wirkung dieser schwierigen Themen kommt aber musikalisch und auf emotionaler Ebene definitiv an.

Fazit

6.8
Wertung

Das Album lädt in die Klänge des mystischen Islands ein und steigert definitiv das Fernweh in diese Längengraden. Es lässt einen auf der einen Seite fragend, ratlos und irgendwie ohne die Erleuchtung, was zur Hölle das gerade eigentlich war zurück, auf der anderen Seite fasziniert es ohne Ende.

Jannika Hoberg