Skalp und "Das Gegenteil der Angst" - Gewaltige Melancholie

Im Vorbeigehen mal eben ein Genre revolutionieren? Das haben Skalp geschafft. Eine kraftvolle Demonstration, wie man die Begriffe Pop und Punk sonst noch kombinieren kann. „Das Gegenteil der Angst“, ist ein Muster für etwas, was kein Muster benötigt.
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Kaffkönig sind tot, lang leben Skalp! Was bleibt ist Härte mit Gesang, der so viel mehr Melodie und Gefühl transportiert, als man bei diesen harten Riffs vermuten möchte. Diese aufpeitschende Energie, die sich über die Platte zieht, vermag einen in einem anderen Kontext aufspringen lassen, Brandbomben werfen lassen, Polizisten bewerfen. Doch Skalp lassen das nicht zu. Die Texte triefen vor Melancholie, Tristesse, manchmal auch Romantik, lullen einen regelrecht ein, beschweren einem die Füße, schließen die Jalousien und löschen das Licht. Und auch wenn die Systemkritik deutlich weniger zu finden ist als beim Vorgängerprojekt, so hat sie es dennoch auch auf dieses Album geschafft. Gleich der Opener „Kleingeisterrunde“ schafft es mit seiner Kritik an einem Way Of Life, der sich durch Verdrängung und Verblendung ein schönes Weltbild schafft, eine gewisse Beklemmung herzustellen, da man die Parallelen zum eigenen Leben und Umfeld recht einfach ziehen kann. Viel zu leicht.

Doch es gibt einen Fixpunkt auf dieser Platte. Man hat das Gefühl, dass alles von diesem Song ausgeht und zugleich zu ihm hinarbeitet. „Der gottverdammte Unterschied“ beginnt ruhig mit Bassschlägen und baut sich nicht langsam auf, sondern bricht dann einfach aus, bis es sich wieder beruhigt. Der Song spielt mit seiner eigenen Genialität und der Genialität des Albums. Er lehrt einen, dass kein Track der Welt ein gebrochenes Herz heilen kann, denn das kann man nur selbst tun. Songs wie „Hundelunge“ oder „Napalmwalzer“ klingen währenddessen wenigstens wie der Versuch der Linderung. Besonders letzterer kickt dann auf einer anderen Ebene, wenn Skalp erzählen, wie eigentlich alles außer unser Herz gebrochen ist und wiie es ist, nicht allein zu sein, wenn einfach alles untergeht. Diese Romantik im Untergang erweckt Sehnsucht oder lässt einen auf einen baldigen Untergang hoffen.

Aber bloß keine zu gute Laune aufkommen lassen. „Das letzte Zittern“ schaut zurück auf ein Leben, reflektiert alles, was auf der Strecke liegen geblieben ist und erzählt von der Unmöglichkeit alles besser zu machen. Frei nach Guareschi in „Don Camillo“: Das ist wie ein Ei in die Pfanne schlagen, schlag es mal wieder zurück.

Der Titeltrack „Das Gegenteil der Angst“ kommt dem einen oder anderen bekannt vor, denn dieser Track sowie die Platte teilen sich diesen Titel mit einem Kettcar-Song. Und trotzdem wissen Skalp hier ganz anders zu berühren. Mit dem langsamen Tempo erzeugen sie ein gewisses episches Feeling, welches die Stimmung des ganzen Albums gut einfängt. Der Song beschreibt den ewigen Kampf mit der ständigen Angst, die nicht jeden auf die gleiche Weise prägt, aber jeden einholen kann. Das Album endet hier mit einem Schlag..

Skalp, das ist viel Gefühl, das ist verstehen und verstanden werden. Das ist eine flache Hand im Gesicht und eine geschlossene Hand, die einen zudeckt und einem über den Kopf streichelt. Eine Stimme, die dich anschreit und zusammenscheißt, aber immer mit der Intention, dass es doch besser gehen könnte. „Das Gegenteil der Angst“ nimmt dich in den Arm und wischt dir die Tränen vom Gesicht, denn es versteht dich.

Fazit

9
Wertung

Eine Tiefe, die einen immer wieder ganz kalt erwischt. Skalp brillieren mit klugen Beobachtungen und Ausflügen in die menschliche Seele, dass es einen grausen kann, ebenso, wie es einen rühren kann. Ein Meisterwerk!

Moritz Zelkowicz