The Screenshots und "2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee": Tausend Nadelstiche

An dieser Stelle wird es kurios: Wer sich hinter dem Krefelder Funpunk-Trio „The Screenshots“ verbirgt, ist auch zwei Jahre nach Bandgründung nicht abschließend geklärt. Trotzdem - oder gerade deshalb - möchten wir uns mit diesem popkulturellen Phänomen etwas näher beschäftigen.
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Wortakrobaten gibt es in der deutschsprachigen Musikszene nicht erst seit den teils seltsamerweise glorifizierten „DeutschPoeten“ des RBB. Von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung über die Ärzte bis hin zu den Prinzen: Musikalische Relevanz kann durchaus auf kritischen Geräuschen zum Zeitgeschehen fußen, sie kann sich aber auch gleichermaßen mit einer Prise Humor und Selbstironie begnügen. Kommt beides zusammen, so sieht man sich mindestens mit einem Achtungserfolg konfrontiert. Und „2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee“ geht sogar ein gutes Stück über jene Güteklasse hinaus.

Im Verlauf des Albums hat der Hörer wieder und wieder mit fiesen Ohrwürmern zu kämpfen. Dies mag an dem Zusammenspiel aus verspottend leichten Gitarrenspuren und dem Hang zu abstrus eingängigen Refrains liegen. „Die Welt geht noch nicht unter“ ist die sarkastische Antithese zu sämtlichen Weltuntergangspropheten und Verschwörungstheoretikern. Ein sommerliches Flair umspült urplötzlich das krisengebeutelte Jahr 2020 und sorgt für ein unwillkürliches Lächeln auf den Lippen. Gleiches gilt für „Manchmal“ – sofern Sprachlosigkeit als positive Auswirkung gewertet werden kann, dann ist dies hier der Fall. „Wir lieben uns und bauen uns ein Haus“ beginnt mit Songwriter-Allüren und biegt dann doch auf die Punkrock-Avenue ab. Sich der biederen Nachbarschaft anpassen? Gehen oder bleiben? Fragen über Fragen, die auch auf „Träume“ nicht abschließend geklärt werden können. Es handelt sich um eine gefühlte Reinkarnation von Deichkinds Befehl zum Größenwahn „Denken Sie groß“.

Auf „Liebe Grüße an Alle“ schaffen The Screenshots eine ureigene Interpretation des (groß-)elterlichen Ausspruchs, dem eine geschickte Umwidmung widerfährt. Offenkundige Ironie und hintergründige Zeitgeistkritik geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Ironie spielt auch während des Konsums von „Snacks“ eine zentrale Rolle. Der paartherapeutische Ansatz sollte zu Leibesübungen animieren und kämpft doch einen Todeskampf mit dem Wohlstandsphänomen namens Diabetes. Dieser Song bewegt sich meterweit neben der Spur und sorgt speziell im C-Part für Assoziationen mit der Neuen Deutschen Welle. Nachdem es im Jahr 2006 anlässlich der Fußballweltmeisterschaft vollmundig „Die Welt zu Gast bei Freunden“ hieß, regiert auf „Airbnb“ der schnöde Mammon. Eine interessante Darbietung der durch derartige Übernachtungsangebote fortlaufend geschürten Gentrifizierung der Innenstände. Letztlich beschäftigt sich „Walter White ist tot“ mit der permanenten Reizüberflutung. Whataboutism lässt grüßen. Spannend!

The Screenshots setzen auf Ihrem neuen Album tausend Nadelstiche in das übermäßig breite Gesäß übersättigter Mitteleuropäer. Ohne plakativ zu werden, schwingt im NDW-Flair ein permanenter Hauch der Kritik mit. Interessante Wendungen erwarten den Hörer zuhauf und man darf sich auf eine unterhaltsame halbe Stunde freuen, die sicherlich wieder und wieder für einen willkommenen Zeitvertreib sorgt.

Fazit

7.1
Wertung

„Erfrischend, abwechslungsreich, durchdacht: Den weiteren Werdegang der Screenshots werde ich mit gesteigerter Aufmerksamkeit verfolgen. Gerne mehr davon.“

Marco Kampe