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Schlakks und „Indirekte Beleuchtung“: Der Blick hinter unsere Kulissen

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Mo, 03.09.2018 - 13:06
Independent Rap hat es in Deutschland nicht leicht. Wenn sich Rap nicht mehr in eine Schublade stecken lässt und Komfortzonen verlässt, kehrt die Szene ihm eher den Rücken zu. „Indirekte Beleuchtung“ des Dortmunder Schlakks ist ein weiterer Beweis, wie viel mehr der Deutschrap uns zu bieten hat.

Mal zur Erklärung, ein „Schlaks“ ist eine Person, von großer, aber schmächtiger Statur. Um im heutigen Vokabular zu bleiben: ein „Lauch“. Für die Fußballfans, Peter Crouch ist demnach der König der Schlakse, wer ihn nicht kennt, einfach mal googlen. Warum sich Schlakks diesen Namen gibt, ist fraglich. Fehlendes Selbstbewusstsein, oder sogar das Gegenteil, nämlich verdammt großes Selbstbewusstsein. Ein Blick in „Indirekte Beleuchtung“, zeigt recht schnell, dass es wohl letzteres sein muss. Gleich der erste Track nach dem Intro „Unser Ding“ ist ein Disstrack gegen so ziemlich alles, zum Beispiel gegen diese albernen Rapper, die es schaffen ganze Sampler mit ihren Schwanzvergleichen zu füllen. „Album“ dürfte man sowas eigentlich gar nicht nennen. Und natürlich hat Schlakks auch seine ganz persönliche Meinung zum Thema Trap:

„Aber Trap ist doch okay, weil es die Sache weiterbringt.

Ich find' halt subjektiv, dass das meiste eher scheiße klingt.“

Schlakks – „Unser Ding“

Und auch wenn der sogenannte „Haus-Maus“-Reim in Verruf geriet, da er als zu simpel gilt, so kann das nur für die Rapper gelten, deren Inhalt aus einzelnen Zeilen besteht, die aber ansonsten keinen Inhalt bringen. Wenn man etwas zu sagen hat, dann ist die Reimstruktur nicht mal zweitrangig. Wichtiger ist der Beat, der den Track begleitet, und der ist sehr interessant. Dumpfer Frequenzen pumpen den Takt, für das melodiöse sorgt ein Bass, allerdings nicht sowas elektronisches, sondern wirklich das namentliches Instrument mit den vier Saiten. Instrumente mit Rap, das gefällt.

Nach mehrfachen Durchläufen sticht ein Track ganz besonders heraus. „Murakami“ ist in vielerlei Hinsicht einfach fantastisch. Der nach Dadaismus tönende Titel ist schlichtweg ein japanischer Autor, Haruki Murakami. Da geht es schon los. Murakami war ein Sachbuchautor, der seine Werke mit Surrealismus gespickt und darin ganz bewusst Anspielungen auf die aktuelle Popkultur eingearbeitet hatte. Selbst wenn das manchmal gar nicht in den Rhythmus passte oder den Fluss des Buches unterbrochen hatte, einfach weil er an dieser Stelle noch etwas einwerfen wollte. Mit diesem Wissen wird „Murakami“ gleich noch ein wenig besser. Am Ende mancher Parts hat man das Gefühl, Schlakks verliere den Beat aus den Augen und komme aus dem Takt, aber so wie er sich danach wieder fängt hat das tatsächlich viel vom Autor Murakami. Und auch besagten Surrealismus mit aktuellem Gesellschaftsbezug lässt der Rapper nicht aus. Forderungen wie ein Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen - mutig lieber Schlakks, mutig.

Mit „Hausnummer 15“ folgt dann gleich der nächste Track, der beim ersten Hören vielleicht durchrutschen würde. Aber der Text über den Besuch bei den Eltern beinhaltet tatsächlich mehr als das vermeintliche Thema an der Oberfläche. Schlakks formuliert eine kleine Gesellschaftskritik und eine kurze Geschichte über eine Entfremdung der eigenen Wurzeln, zu denen man aber doch immer wieder zurückkehrt. Das Ganze untermalt mit einem minimalistischen Beat ist klein, aber ganz groß.

Aus der Kategorie, „Dinge, die still heimlich verschwanden“ kommt „Nachtzug“. 2016 fuhr der letzte Nachtzug der Deutschen Bahn. Gutes System eigentlich. Abends irgendwo losfahren, in einem Schlafwagen schlafen und morgens ankommen. Und hier erzählt Schlakks und malt nicht nur ein Bild mit intensiven Farben, es ist wie ein kleiner Film, den er mit Worten projiziert und der einen auf eine kleine Reise mitnimmt. Das Ganze ist mit seinem Rap und dem Beat so entspannend, so sanft, beinahe wie Meditation. In „Was übrig bleibt“ packt Schlakks dann den Vorschlaghammer aus und rotzt auf Egoismus und Heuchlerei in der Gesellschaft. Und ein jeder, der auf Facebook und Instagram unterwegs ist, wird ihn ganz genau verstehen.

Meditativ wird es in „Leise“ gleich nochmal. Und Schlakks hat noch etwas ganz Besonderes, wenn auch sehr extravagantes auf Lager. Denn mit Elisabeth Waanders hat er sich eine kleine Jazzvirtuosin eingeladen. Diese Form des Crossover ist einfach neu und anders. Warum hat es diese Form nicht schon früher gegeben? Rap und Jazz ergeben hier eine unglaublich gute Mischung, da Waanders eben nicht den meist vom Chaos getriebenen und improvisierten Freejazz spielt, sondern sehr ruhig und geordnet am Piano agiert. Das ist atemberaubend und wer etwas für Jazz übrig hat, wird diesen Track lieben. Piano und Sprechgesang bilden eine Symbiose, die nicht nur logisch, sondern sogar selbstverständlich erscheint.

Die Diskussion mit einem Außerirdischen bei einem Bier in „Worüber reden wir hier“ ist Grimmepreis-verdächtig. Denn mit ganz einfachen Fragen werden große gesellschaftliche und zivilisatorische Probleme so wahnsinnig einfach dargestellt und im Grunde ein jeder bloßgestellt, dem das nicht auffällt. Der Blick von außen kann durchaus helfen und der Griff zu Aliens ist plötzlich gar nicht mehr so absurd. Wie gut das funktioniert, hatte Edgar Wasser mit seinem Track „Alien“ zusammen mit Mine schon gezeigt, und was Schlakks hier mit eigentlich einfachsten Mitteln gelingt, ist einfach nur brillant. Für so etwas muss es Preise geben.

Schlakks hat mit „Indirekte Beleuchtung“ einen anderen Blick auf die Welt offenbart und das in viele Richtungen. Was er dabei zeigt, macht einerseits Spaß, kann aber auch an anderer Stelle bestürzen. Ein großartiges Album, das viel Scheinwerferlicht der Rapszene verdient hätte.