RIN und „Nimmerland“: Urbaner Schmuse-Schlager für den Weltuntergang

Ist es wirklich erst ein Jahr her, dass RIN seinen folgenschweren Konsumplan – „Es ist Donnerstag, ich kauf mir Supreme“ – vorstellte? Es scheint wie eine Ewigkeit. RINs spätkapitalistischer Herzschmerz-Hedonismus verzückt seither das Feuilleton und überschwemmt die Playlisten. Doch auch RIN wird älter. „Nimmerland“ ist die letzte Momentaufnahme, kurz bevor der schwäbische Peter Pan zu alt wird für’s Fliegen und die funkelnde Fabergé-Welt des Nimmerlands verlassen muss.
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In Zeiten einer „Leaving Neverland“-Doku zeugt es schon von immensem Selbstvertrauen, die Peter-Pan-Thematik als Grundlage für ein Album zu nutzen. Aber das hat Renato Simunovic alias RIN ja. So sehr sogar, dass die Entschuldigung für den Song „Arrêté“ immer noch aussteht: „Machen wir Liebe, Babe, im Bett, dann schreist du: „Arrêté!“ hatte der Feuilleton-Liebling da gedichtet, um seine Eros-hafte Omnipotenz auszudrücken – und dabei aus Versehen eine lehrbuchhafte Vergewaltigung beschrieben. Hoppala.

Für RINs Musik ist das freilich egal. Auch „Nimmerland“ wird wieder als genreprägender Meilenstein gefeiert werden und nicht ganz zu Unrecht. Schließlich gibt es kaum jemanden, der einem Pop-Zeitgeist besser nachfühlen kann als RIN, der überhaupt so viel fühlt wie der Marlboro-Mann mit den roten Haaren, und der diese Gefühle dann auch in die entsprechend Autotune-geschwängerten Beats und One-Liner übersetzen kann. RIN weiß sehr wohl, dass seine Designer-Kleidung nichts zu bedeuten hat, dass er sie überleben wird, ebenso wie seinen konsumorientieren Hedonisten-Lifestyle, dass er das Nimmerland verlassen muss. Doch diesen Moment, in dem er gerade noch fliegen kann, möchte er für die Nachwelt festhalten.

So besingt er ein letztes Mal sein Leben, das glitzert wie ein „Fabergé“, und lässt in „Vintage“ sogar noch einmal jugendlichen Hunger aufblitzen. Doch die Mehrheit der Songs verliert sich bereits in einem melancholischen Eingeständnis von Herzschmerz, Einsamkeit und innerer Leere. RIN hat nichts mehr zu sagen, doch er sagt es mit Style – und allen popkulturellen Referenzen, die ihm einfallen. So bedient sich „Keine Liebe“ gar am Hit der Bravo-Otto-Seriensieger Echt, unterstützt von Bausa, dessen Vocal-Performance klingt, als hätte man einen besoffenen Karel Gott vor einen Ventilator gesetzt. Und dann wäre da noch „Nirvana“. Sagen wir mal so: Wenn irgendjemand brennend auf ein Mashup von Helene Fischers „Atemlos“ mit Kurt Cobains „Rape Me“ gewartet hat, dann wird er hier fündig. Und wem eine Zeile wie „Rape Me durch die Nacht“ noch nicht den Rest geben konnte, dem wird schlussendlich Rio Reisers „Bye, Bye, Junimond“ hinterhergehaucht. Warum denn auch nicht. Zu diesem Zeitpunkt ist nun wirklich alles egal.

„Nimmerland“ ist nicht nur ein Album über das Älterwerden. Es ist der Soundtrack zum Weltuntergang. Dann, wenn die Shopping Malls leerstehen und es keine popkulturellen Größen mehr gibt, die sich auf T-Shirts drucken lassen, erschallt RINs Stimme durch die Lautsprecher und stellt die alles entscheidende Frage: „Was zeigt mir meine Roli, wenn ich keine Zeit hab‘?“ – Eben.

Fazit

4
Wertung

"Nimmerland" ist ein unerträgliches Album, mit beißendem Autotune, agressiv gelangweilten Melodien und völlig inhaltsleeren Anspielungen. Aber es ist kein schlechtes Album. Es weiß um seine Inhaltsleere und erhebt sie zur Kunstform. Soweit muss man RINs Arbeit anerkennen. 

Felix ten Thoren