Retro Review: Weezer mit "Weezer" (Blue Album) - Nerdy by Nature

Zu kurzes Bein, Brille, ziemlich klein, sportlich nicht mal zum Getränke holen tauglich - und trotzdem war er 1994 vielleicht die größte Gefahr für die Musikwelt, zumindest wenn man den damaligen Medienberichten glauben durfte: Rivers Cuomo, zusammen mit seiner Band Weezer und ihrem Debütalbum, dem legendären „Blue Album“.
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Die 90er sind ein unfassbar absurdes Jahrzehnt und das lässt sich schon alleine an Weezer festhalten. Kritiker und die Alternative-Rock-Fangemeinde waren sich einig, Weezer seien „Hair-Metal“-Flüchtlinge und gäben sich als Alt-Rocker aus, indem sie die Songbücher der Pixies und von Nirvana adaptieren und mit einem stylischen Musikvideo an MTV verkaufen. Anstatt die Musik und Texte ansich zu diskutieren, ging es ausschließlich um die Einflüsse. Dabei wurde aber schlichtweg nicht gemerkt, wie das Mastermind Rivers Cuomo mit seinen Außenseiter-Vibes, seiner extremen 70er-Trash-Rock-Vorliebe und dem Gespür für so etwas wie Power-Pop, eine einzigartige Synthese entwickelte. Das kommt auch durch die Vorliebe für schwere Gitarrenriffs, die beinahe penetrante Melodik und dem klugen Humor. Überschattet wird das alles stets durch die Verletzlichkeit der ewigen Außenseiter. Doch diese Vibes fanden riesigen Anklang. Denn vieles, was als ultra nerdig verschrien war, schlummerte in verdammt vielen Leuten. Diese offengelegten Unsicherheiten, das schier obsessive Abfeiern von Popkultur, waren viel universeller als gedacht und keineswegs exklusives Gepose der Band. Und die Hooks von Rivers Cuomo waren so brutal eingängig, trotz ihrer harten Riffs und das stets auf eine verklemmte und nerdige Art. Es klingt widersprüchlich, aber das hat zu unmittelbarer Musik geführt, denn sie war in ihrer Thematik und Aufmachung schlichtweg authentisch. Clever und damit irgendwie überlegen, aber dennoch verletzlich. Doch diese Unsicherheit war gut kaschiert unter mörderischen Hooks.

Das ist der Grund warum die Band mit dem Album so einen Erfolg hatte. Und es war mehr als das. Denn die Band prägte nicht nur eine Ära, sondern schrieb auch ihren eigenen Mythos. Das absichtlich dissonante Kriechen von „Undone – The Sweater Song“, der postironische Lovesong „Buddy Holly“ und natürlich das aufpeitschende „Say It Ain’t So“. Doch wie konnte Weezer so eine Fangemeinde aufbauen? Ziemlich einfach, denn die Band klang als würden sie zu einer In-Crowd sprechen und nicht zu dem Massenpublikum, das sie tatsächlich erreichten. Hinzu kam noch, dass Weezer mit zwei Aktionen schon so etwas wie Kultstatus erreichten. Einmal das von Spike Jonez inszenierte Musikvideo zu „Buddy Holly“ und der Umstand, dass dieses Video unter „Fun-Stuff“ mit einem anderen Song und einem Trailer zum Film „Rob Roy“ auf der Windows-95-CD landete.

 

Nach dem klassischen Regisseur Howard Hawks musste ein Film aus drei guten Szenen bestehen und keiner schlechten. Man könnte extrapolieren, dass ein gutes Album aus drei guten Songs und keinem schlechten bestehen sollte.  Empirisch gesehen trifft das heutzutage voll und ganz zu: Drei gute Singles, Punkt, Schluss. Doch das blaue Album ist voll von guten Songs und es ist absolut kein schlechter dabei. So haben Weezer mit ihrem Debüt die musikalisch gute Seite der 90er mal eben mit definiert.

Fazit