Retro Review: Warum Johnny Cash im Knast war

Johnny Cash, Trendsetter. Heute maximal ein Grund zum Schmunzeln, Ende der 60er aber Realität. Nicht nur, dass seine Musik ein Garant für Verkäufe und Preise war, er brachte 1968 auch ein legendäres Live-Album heraus, welches die Grundlage bot für eins der größten Live-Alben aller Zeiten.
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1955, Johnny Cash bringt einen seiner größten Hits heraus, den „Folsom Prison Blues“. Der Song über einen Mann, der in Reno einen anderen Mann ermordet hat und jetzt im Gefangenentransport in Richtung Folsom Prison sitzt. Es wurde ein beachtlicher Erfolg, und brachte in Cash einen Wunsch hervor: In einem Gefängnis auftreten. Seine Plattenfirma blockte das Vorhaben bis ins Jahr 1968. Cash hat gerade seine Drogenprobleme in den Griff bekommen und wollte, eher musste, die letzten Jahre der Ebbe in der Kasse mit einem erfolgreichen Album kompensieren. Höchste Zeit seine Idee endlich weiter zu verfolgen und seinen Auftritt im Folsom State Prison durchzuziehen. Tatsächlich waren es sogar zwei Konzerte, die zum Album „At Folsom Prison“ zusammengeschnitten wurden. Ein kleiner Erfolg für Cash, der so seine Karriere belebte und einen kleinen Trend auslöste. Immer mehr Musiker:innen der Country-, Blues-, Jazz- oder Rockszene gehen für Konzerte in Gefängnisse. Auch Cash wagt für drei weitere Alben wieder den Schritt hinter Gittern. Metallica drehten ihr Musikvideo zu St. Anger in San Quentin und Wärter, genauso wie der Direktor, warnten Metallica vor dem Dreh in dem seit Eröffnung chronisch überfüllten Staatsgefängnis. Genau dieselbe Warnung wurde Johnny Cash ans Herz gelegt, nicht umsonst galt und gilt dieses Gefängnis als eines der gewalttätigsten der Welt. Unterschied zum Dreh von Metallica? Deutlich weniger Sicherheitsvorkehrungen, deutlich weniger Personal.

Doch Cash ist nicht abzubringen, zusammen mit seiner zukünftigen Frau June Carter und seiner Band, den Tennessee Three, dazu noch die Carter Family und die Statler Brothers.

Es gibt so viele Aspekte, die diesen Auftritt so legendär machen. Das Cover-Foto von Jim Marshall, sowie der berühmte Mittelfinger, sind zwei der bekanntesten Bilder von Cash. Und der Mittelfinger hat seine eigene Geschichte. Granada Television filmte das Konzert um es im TV zu zeigen. Erst 2000 wurde die erweiterte Version dieses Auftritts veröffentlicht, in dem der Mittelfinger erstmals zu sehen war. Cash erklärte wie es dazu kam: Während des Auftritts bekommt Cash beständig Anweisungen vom Kamerateam, welches sich auf der Bühne und vor dem Publikum herumdrückte und Cash die Sicht auf das Publikum versperrte. Als die Filmcrew seine Bitte, die Bühne zu verlassen ignorierte, hielt er den gestreckten Mittelfinger in die Kamera.

Wärter, die bei dem Konzert zugegen waren, berichten von einem Moment, in dem die Stimmung beinahe gekippt wäre. Johnny Cash spielte seinen Song „San Quentin“. Mit der Zeile „San Quentin, I hate every edge of you“ beginnt Jubelgeschrei unter den Insassen, das kaum noch verklingt. Drei Minuten später ist der Song zu Ende und die Stimmung ist an einem angespannten Punkt, die Wärter befürchten jeden Moment einen Aufstand, doch die Insassen wollten keinen Krawall, sie wollten lediglich, dass Cash den Song nochmal spielt, dazu ist Cash nur zu gerne bereit, woraufhin die angeblich aggressive Stimmung einer gewissen Seligkeit weicht.

Doch nicht nur die Legendenbildung um das Album ist groß, auch der kommerzielle Erfolg war beachtlich. Es gewann den Grammy für das Album des Jahres und die beste männliche Gesangsleistung für „A Boy Named Sue“.

Die Original-EP ist eine echte Rarität und wird teuer gehandelt, da dort einige Gespräche von Cash mit dem Publikum nicht herausgeschnitten wurden, auch wenn einpaar „Obszönitäten“ gepiepst wurden. In der ersten Auflage ist das Konzert auf zehn Songs geschnitten, später wird das Album mehrmals herausgebracht, mit bis zu 20 Songs. Auch das legendäre „Closing Medley“ ist endlich in voller Länge zu hören.

Woher die Faszination von Cash kam, vor Mördern, Vergewaltigern, Räubern, Erpressern und anderen Verbrechern zu spielen kam, weiß man nicht recht. Aber insgesamt vier Alben entstanden hinter Gittern, einmal sogar in Schweden, im Österåker Gefängnis. Fakt ist, dass er seine Karriere kongenial wiederbelebt hat und wahrscheinlich das erfolgreichste Album, das je in einem Gefängnis aufgenommen wurde, in der Musikgeschichte hat.

Fazit