Rammstein und ihr selbstbetiteltes Comeback: Divina Commedia

Viel wurde diskutiert, viel (miss-)verstanden, viel künstlich aufgebläht. Mit dem neusten Release jedoch enden die zähen Spekulationen ob der zukünftigen Ausrichtung Rammsteins. Einige Zeitepochen nach der „Divina Commedia“ steht fest: Auch im deutschsprachigen Raum ist man fähig, religiöse Symbolik, tagesaktuelle Politik und schaurig-düstere Metaphorik zu paaren.
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Im Jahr 1321 n. Chr. finalisierte der Italiener Dante Alighieri sein über viele Generationen fortwährendes Lebenswerk, die göttliche Komödie. Es bedurfte einiger vorheriger Veröffentlichungen, ehe er sich selbst ein Denkmal setzen konnte. Ohne auf die Geschichte als solche eingehen zu wollen und ohne geschichtsverfälschende Anmaßungen ob des nachhaltigen Erfolgs anzustellen, drängen sich nichtsdestotrotz Parallelen auf. Das selbstbetitelte, neue Album von Rammstein hat seine ganze eigenen Höllenkreise, lässt den Berg der Läuterung charmelos links liegen und pfeift auf die Gebote.

Die Vorab-Singles erfuhren eine Resonanz, welche selbst für Rammstein-Verhältnisse bemerkenswert ist. „Radio“ kam mit einem blauen Auge davon. Dass es sich hier um die (Achtung: Flachwitz) radiotauglichere Veröffentlichung handelt und man deshalb Milde walten ließ, ist nur ein Teil der Wahrheit. Vielmehr steht die Verbeugung vor Kraftwerks Schaffen im direkten Vergleich zu „Deutschland“ nicht annähernd so martialisch dar. Intellektuelle Geisterfahrer bissen sich in selbigem auf der vermeintlichen Kriegs- und (Staats-)Gewaltverherrlichung fest, alle anderen konnten Ihr Glück bei einem solchen Ausmaß an gelebter Kunstfreiheit kaum fassen. Polarisierung als Werbemittel funktioniert auch noch im fünfundzwanzigsten Jahr nach Bandgründung und ist ein selbstbewusster Mittelfinger in Richtung der zensurgewillten Strömungen unserer Zeit.

Zeitweilig zerreibt sich „Rammstein“ an den Vorgängerwerken, golden ist auch hier nicht alles. „Sex“ ist das im NDH-Kosmos bereits maximal überstrapazierte und ausgeschlachtete Themenfeld. Einer (weitestgehend) liberalen Gesellschaftsordnung entlocken derartige Provokationsversuche nicht einmal ein müdes Gähnen. „Was ich liebe“ ist nicht der dazugehörige Song. Bedeutungsleer, austauschbar, Standardkost ohne Wiedererkennungsmerkmal. Maximal eine B-Seite. Luzifer und dessen Höllentor ist der Hörer hier ganz nah. „Weit weg“ und „Tattoo“ sind ebenfalls zu handzahm, als dass sie das schwere Erbe einzigartiger Düsternis schultern könnten. Doch zum Glück stehen diesen Tälern auch ebenso viele Bergspitzen gegenüber.

In Zeiten von zunehmenden Migrationsströmen und damit erstarkendem Rechtspopulismus birgt der „Ausländer“ eine Projektionsfläche für die Abgründe der vermeintlich Abgehängten, der Verbitterten, der Unverstandenen. Zwischen Deichkind und Eskimo Callboy grooven sich Rammstein ungewohnt poppig durch ein zynisches Stück Genialität. Obwohl dem „Diamant“(en) ein eigener Song gewidmet wird und dieser eine weniger haarsträubende Ballade als beispielsweise der „Seemann“ ist, verkörpert die „Puppe“ den eigentlichen Edelstein. Wie krank ist das denn? In der Gesamtbetrachtung von Rammsteins Karriere erreicht der Ausbruch aus den Vorgaben jeder Plattenfirma und jeder sozialer Konvention mühelos die Top Fünf des bisherigen Outputs. Ein Platz zwischen „Du Hast“, „Sonne“ und „Ich Tu Dir Weh“ ist garantiert. Till Lindemanns Gegrunze verstört nachhaltig, schlägt es doch völlig unvermittelt und mit stählerner Härte zu. Der seltene Fall, dass das Highlight einer Platte so eindeutig bestimmbar ist. „Zeig dich“ straft unverblümt die vermeintlich unfehlbaren, kirchlichen Würdenträger ab. Statt kompromissloser Aufklärung lässt man die zahllosen Missbrauchsopfer in ihrem Elend allein. An Peinlichkeit und mangelnder Nächstenliebe ist dieses Vorgehen kaum zu überbieten und Rammstein salzen die Wunden der Scheinheiligkeit folgerichtig nicht zu knapp. Ein weiterer Volltreffer, dessen Text aus scheinbar zusammenhanglosen Alliterationen ein treffsicheres Gesamtbild konstruiert. Der „Hallomann“ ist abschließend die logische Fortführung von „Wiener Blut“. Das Schockmoment ist kleiner, die trügerische Harmonie zwischen „Muscheln und Pommes Frites“ macht es jedoch nicht minder aufregend. Die Ich-Perspektive als Stilmittel lässt den Hörer die Situation näher durchleben, als diesem lieb sein dürfte. Klappt die Bürgersteige hoch, Rammstein sind zurück.

Die göttliche Komödie fußt auf der ironischen Umkehrung menschlicher Verfehlungen. Wahrsager, Schmeichler und Gewalttäter tragen die Last ihres eigenen Verhaltens. Dieses Prinzip machen sich auch Rammstein zu Eigen und widmen sich wie gewohnt der Schwärze, dem Elend und dem Tabu(-bruch). Die (durchaus verkraftbaren) Schwächen hätte man gegebenenfalls mit 1 bis 2 Jahren intensiver Mehrarbeit mit Gold überziehen können. So blockieren sie eine Spitzenwertung.

Fazit

7
Wertung

Nie habe ich die Gesamtwertung im Schreibprozess derart oft hoch- und heruntergeschraubt. Der überbordenden, selbstverschuldeten Erwartungshaltung kann man nur schwer gerecht werden, wie auch? Die Sehnsucht nach neuem Material wurde überstrapaziert, jetzt können sich alle für die nächsten 10 Jahre beruhigen und auf die nächsten Großevents diesen Jahres freuen: Tool, Slipknot, (...).

Marco Kampe
6.8
Wertung

Die Betrachtung der Platte fällt tatsächlich überaus schwer. Die Singles „Deutschland“ und „Radio“ haben die Messlatte ins Unermessliche steigen lassen, was eine neutrale Bewertung der nachfolgenden Tracks schier unmöglich macht. Diese unterhalten zwar in bester Rammstein-Manier, jedoch erreichen sie zu keinem Zeitpunkt das Level alter Gassenhauer oder der Vorabsingles. So verkommen starke Tracks zu einem Rauschen im Hintergrund. Klassische Dramaturgie, nur andersrum.

Moritz Zelkowicz