Quicksand und "Interiors": Neue Retrospektive

22 Jahre Zeit haben sich Quicksand für ihr neues Album gelassen. Seit „Manic Compressions“ ist viel passiert – das nutzen die Posthardcore-Legenden zu ihrem Vorteil.

Man könnte nach einer so langen Periode des Stillstands befürchten, dass Quicksand müde geworden sind. Dabei vergisst man aber, dass sich Walter Schreifels und seine Bandkollegen an mehr als genug Stationen ausprobiert und weiterwickelt haben. Sergio Vega ist seit der einstigen Auflösung von Quicksand Mitglied der Deftones, und Schreifels selbst bewies erst jüngst mit seinem neuen Projekt Vanishing Life, dass er die Wucht seiner Anfangstage noch lange nicht eingebüßt hat.

Trotzdem zeigt „Interiors“ eine Band, die in Würde gealtert ist. Songs wie „Under The Screw“ oder „Illuminant“, die ihr Benzin mit Funken besprühen, sind eher Ausnahme als die Regel. Stattdessen präsentiert die Platte gerade hinten heraus die atmosphärische und gezügelte Variante von Quicksand, die wirklich einige große Momente zu bieten hat. Allen voran wäre da das fantastische „Cosmonauts“ zu nennen, das mit seinem nachdenklichen Hymnus zeigt, wie gut auch solche melancholischen Träumereien im Gewand einer dreckigen Hardcore-Klangumgebung funktionieren können. Ähnlich arbeitet „Hyperion“, das seinen Ausbruch in den Strophen immer wieder andeutet, bevor es dann in einen Refrain mit fast shoegazigem Monumentalismus mündet – der moderne Posthardcore ist scheinbar auch an Schreifels und seinen Veteranen nicht vorbeigegangen.

So entfachen Quicksand zwar nicht mehr die Energie ihrer anfänglichen Karriere, beeindrucken dafür aber auf eine viel subtilere Art und Weise, ohne ihr eigenes Werk zu verraten. „Interiors“ hätte in den 90ern mit Sicherheit keinen Boom ausgelöst, funktioniert im Jahr 2017 aber als Spätwerk einer Band, die technisch versiert wie immer und experimentierfreudig wie eh und je ist. Spaltungspotential ist dennoch allemal vorhanden.

Fazit

6.7
Wertung

22 Jahre sind eine lange Zeit. Quicksand beweisen, dass sie trotzdem noch Fähigkeiten und den Wunsch nach Weiterentwicklung haben. Das muss nicht jedem Fan der alten Schule gefallen, ist aber immer noch so nah an den Wurzeln der Band, dass sich wohl niemand über Verrat echauffieren wird.

Jakob Uhlig