PVA und "Toner": Von Wolpertingern

Tanzbare Platten in nicht tanzbaren Zeiten zu produzieren gleicht einem Himmelfahrtskommando. Mangelt es hierfür nicht schlichtweg an Inspiration? Scheinbar nicht, denn PVA haben das diesjährige Sommerloch bestmöglich genutzt und eine durchaus interessante EP aufgenommen. Höchste Zeit, die müde gewordenen Tanzbeine in Wallung zu bringen und Parallelen zu der bayerischen Welt der Fabelwesen zu ziehen.
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Parallelen zu der bayerischen Welt der Fabelwesen? Ist dem Autor sein Frühstück etwa nicht bekommen? Ja und nein. Sogenannte Wolpertinger gelten als Mischwesen, welche die tauglichsten Extremitäten der hiesigen Waldbewohner vereinen und somit als äußerst anpassungs- und überlebensfähig gelten. Doch anstelle von Stoßzähnen, sehscharfen Augen und einem feinen Riechorgan bedienen sich PVA an den Stärken unterschiedlichster Genres und bringen diese in nur 6 Songs unter, bei denen es sich teilweise lediglich um Remixe handelt.

Apropos Remixe: „Toner“ gleicht an vielen Stellen den (gelungenen) B-Seiten einer Singleauskopplung. Auch wenn sich das Single-Dasein im Zeitalter der Streamingdienste seinem Ende zuneigt, veröffentlichen speziell alteingesessene Rockbands noch immer derartige Raritäten für ihre treue Zuhörerschaft. Rammstein haben auf diese Weise schon den verschiedensten Formationen eine Plattform dargeboten. Nicht nur Genrekollegen kommen zum Zuge, sondern auch und besonders szenefremde Einflüsse. PVA könnte man sich in diesem Kontext sehr gut vorstellen. „Sleek Form“ gleicht mit seinen anfänglich gedämpften Beats einer Adaption von Rammsteins „Deutschland“. Im weiteren Verlauf des Stückes gewinnt dieses mehr und mehr an Konturen, ehe es sich in kryptischen Gesangsspuren und gezielt platzierten Effekten final entfaltet. Nach Erreichen eines gewissen Levels bleibt der Song höhenkonstant und schwindelfrei.

„Talks“ kommt dem 8-bit-Soundtrack eines Jump´n´Run Spiels der Jahrtausendwende gefährlich nahe. Parallelen zu Kraftwerk drängen sich unwillkürlich auf, wobei auch eine unverkennbar funkige Note mitschwingt. Das Konstrukt versprüht speziell an nebelverhangenen Novembertagen eine verloren geglaubte Leichtigkeit. Der ebenfalls enthaltene „Mura Masa“- Remix betont die elektronischen Komponenten noch stärker, wobei hier der Charme der Vorlage nur bedingt erhalten bleibt. Der „Lynx“- Remix schlägt mit seiner Pop-affinen Attitüde eine gänzlich alternative Marschroute ein und begnügt sich folgerichtig mit der kürzesten Spielzeit der gesamten EP. Simple Strukturen mit interessanter Ausgestaltung. „Exhaust/Sorroundings“ lässt sich tatsächlich am ehesten dem Indie-Rock zuweisen. Gepaart mit starken Synthie-Samples sorgt der treibende Offbeat für eine gehörige Staubaufwirbelung. Wenig Text, viel Rhythmus. Wenig Kompromisse, viel Individualität.

Die vermeintlichen, musikalischen Vorbilder von PVA meint man schnell ausmachen zu können. Sie filtern sich die besten Trademarks der Marktgrößen heraus und ziehe dabei ihre ganz eigene Filterblase auf. Von anderen Stärken profitieren und doch etwas Eigenständiges verkörpern: Ganz in der Tradition eines waschechten Wolpertingers. Fakt.

Fazit

7
Wertung

„Obwohl ich mich in dieser Musikrichtung nur bedingt zuhause fühle, schaffen PVA ein beachtliches Maß an Heimeligkeit. Eine abwechslungsreiche Platte, die gerne zu einem vollwertigen Album erwachsen dürfte."

Marco Kampe
6.5
Wertung

"Toner" überzeugt mit klanglichen Genreausflügen und Bewegungsdrang induzierenden Rhythmen, ohne dabei den Blick für den eigenen Stil zu verlieren. PVA vereinen auf ihrer neuen EP allerdings derart viele Einflüsse, dass sie bei aller Diversität eher zu klingen beginnt wie die Spotify-Playlist eines experimentierfreudigen Aerobic-Kurses als ein zusammenhängendes Release.

Kai Weingärtner