Piefke und „Menschenmühle“: Punk-Trott

Mit Bands wie Radio Havanna oder den Rogers wurde der Punk in Deutschland musikalisch ein großes Stück vorangebracht. Diese Bands zeigten, wie viel Melodie dieses Genre verträgt, ohne in Subgenres abzurutschen. Mit Piefke geht die Reise dann zeitlich und musikalisch wieder ein gutes Stück zurück.
Piefke Menschenmühle Cover

Woher der Name Piefke kommt, ist jetzt erst einmal Spekulation, zwei Vermutungen an dieser Stelle – zum einen ein Blick in die deutsche Jugendliteratur. In Erich Kästners „Pünktchen & Anton“ trägt der Dackel von Pünktchen den Namen „Piefke“. Der Begriff ist aber auch eine abwertende Bezeichnung für einen Deutschen in der österreichischen Umgangssprache. Letzteres passt wohl besser. Denn Bands wie Piefke sind manch einem in diesem Land ein Dorn im Auge. Sie lassen sich den Mund nicht verbieten, legen nicht nur den Finger in die Wunde, nein, sie pissen regelrecht darauf. So lässt sich „Menschenmühle“ schon einmal sehr treffend zusammenfassen. Ob musikalisch immer der richtige Stil gewählt wurde ist sehr fraglich. Denn die Songs klingen allesamt ziemlich gleich. Es gibt stellenweise Eigenheiten, doch die sind eher eine Seltenheit. In „Immer im Gleichschritt“ gibt es gestreute und sehr kurze Bass-Soli, doch diese stechen auch nur heraus, wenn man danach sucht. „Blut färbt die Erde rot“ und ganz besonders „Affe Affe Affe“ wirken dagegen sogar richtiggehend inszeniert. Breaks, Aussetzten der treibenden Snaredrum, und wieder ein Bass-Solo. Doch da muss man sich nichts vormachen. Die Platte schafft eine Art Trott, nur in einer Punk-Version. Statt einem Gefühl von Lethargie wirkt „Menschenmühle“ mehr wie ein langer Stromschlag.

Wären da nicht die Texte, die so offen und ehrlich sind, dass man einfach nicht weghören kann. Die Texte drängen einen aus der Komfortzone und zwingen einen raus, um zu demonstrieren und Lärm zu machen, während der treibende Rhythmus jene durch die Straßen treibt, die sich Piefke in ihren Texten zur Brust nehmen. Es sind die skrupellosen Kapitalisten, die sich an der dritten Welt bereichern, bereit sind, über Leichen zu gehen und in Kauf nehmen, dass unsere Erde zerstört wird. Aber natürlich wird sich auch über Nazis ausgekotzt. Das Highlight von „Menschenmühle“ ist dabei „Keiner von 80 Millionen“. In Anlehnung an den Max-Giesinger-Hit lassen sich Piefke über den neu blühenden Nationalstolz in Deutschland aus. Mit den alten und neuen Rechten in der Politik und Gesellschaft wird einmal im Einminüter „Wehrmacht das Licht aus“ aufgeräumt, ein weiteres Highlight mit einer herrlich zynischen Pointe am Schluss. Ein weiteres Highlight stellt „Affe Affe Affe“ dar. Denn wenn es um unbequeme Wahrheiten geht, macht der Mensch gerne mal Augen, Ohren und Mund zu – oder, um es mit den Worten von Feldwebel Schultz aus „Ein Käfig voller Helden“ zu sagen: „Ich seh nix, ich hör' nix und ich weiß auch nix!“.

Auch wenn das musikalisch alles viel zu ähnlich klingt, so bringen Piefke mit ihrer Bitterkeit und ihrer erbarmungslosen Offenheit, in der sie die Missstände behandeln, einen jeden Song auf ein eigenes Podest. Denn die Anspielungen und die Zweideutigkeiten, die „Menschenmühle“ prägen, sind schlichtweg großartig, wenn auch an mancher Stelle sehr hart. Wenn jetzt noch musikalische Variabilität hinzukommt, dann haben wir hier die neue Terrorgruppe. Aber wenn man in deren Vita zurückschaut, haben wir jetzt schon eine neue Terrorgruppe.

(P.S.: Das ist etwas sehr Gutes.)

Fazit

6.6
Wertung

Das erste Durchhören war doch sehr anstrengend. Man achtet beim ersten Mal dann doch nicht so genau auf die Texte und da sind die Songs sehr schnell zu einem einzigen, ziemlich langen verschwommen. Doch lyrisch haben die Jungs es dann doch nochmal herausgerissen.

Moritz Zelkowicz