Paul McCartney und „McCartney III“: Unstete Kompassnadel

Gestandenen Seebären bot die Kompassnadel stets Orientierung, wenn es in die Weiten der Ozeane hinausging. Mit einem Fixpunkt im Sinn und einer engmaschig verfolgten Route steuerte sich das Ziel fernab der Heimat bedeutend geschmeidiger an. Ein ebenso sturmerprobter Seebär ist auch Sir James Paul McCartney. Doch sein Kompass scheint eine gewisse Eigendynamik fernab physischer Grundsätze entwickelt zu haben.
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Der klassische Magnetkompass macht sich das weltumspannende Magnetfeld zu Nutze und gibt stets Auskunft über die avisierte Himmelsrichtung. Was aber, wenn die Funktionalität nicht mehr derart verlässlich ist und man gar mit einem „Kompass ohne Norden“ (Prinz Pi) zu kämpfen hat? Nun, in einem solchen Fall ist problemlösende Freigeisterei und ein hohes Maß an Kreativität gefragt. Und ebenjene bietet uns Mr. McCartney auf seinem nunmehr dritten Soloalbum, welches bescheidenerweise direkt nach ihm selbst betitelt ist. Etwas zu beweisen hat das Urgestein der Musikbranche ohnehin nicht mehr, was sicherlich so manche Fessel in der Schaffensphase zu lösen vermag.

Beginnend mit „Find My Way“ findet man folgerichtig so manche lässige Nummer vor, die sich ganz der Individualität verschrieben hat. Zwischen Selbstverwirklichung und einer tonnenschweren Vita im Gepäck musiziert es sich scheinbar auch weiterhin ganz vortrefflich. Ein roter Faden bleibt vorerst gut verborgen, was auch auf „Women and Wives“ erkennbar ist. Lyrisch bewegt sich McCartney auf teils philosophischem Terrain, während sich der Hörer musikalisch mit tiefgreifender Melancholie konfrontiert sieht. Wehmut und Ambition einer sichtlich/hörbar gealterten Ikone. Vergleichsweise schwermütig geht es auf „Deep Deep Feeling“ weiter. Diese Stück bewegt sich inmitten von leichtem Blues und unverkennbaren Soul-Allüren. Doch ehe die Winterdepression mit aller Vehemenz zuschlägt, erleben wir einen überraschenden Break, der in bedeutend vitalere Klangfarben zum Ende des Stückes mündet. Eine charmante Darbietung.

Viele Songs haben Ihre kleinen, aber feinen Besonderheiten. Das tanzbare „Long Tailed Winter Bird“ transportiert über dessen virtuoses Intro eine mitreißende Dynamik. „Lavatory Lil“ hingegen flirtet mit der Urzeit McCartneys und erinnert an die Blütezeit der Beatmusik. „The Kiss Of Venus“ wiederum versprüht sonniges Flair und jugendlichen Leichtsinn inmitten einer Pandemie. Vielleicht der haargenau richtige Ansatz. Dessen ungeachtet bietet „McCartney III“ allerlei solides Mittelmaß. Fernab jeder Effekthascherei wurden bodenständige Sounds produziert, welche sich trefflich als tiefenentspannte Alltagsbegleiter eignen. „Seize The Day“ und „Deep Down“ seien repräsentativ benannt, wobei auch „Slidin´“ relativ farblos bleibt. Doch kann man deshalb von musikalischen Tieffliegern sprechen? Keineswegs! Schließlich liegt McCartneys Mittelmaß weit oberhalb der Fähigkeiten von so manch selbsternanntem „Weltstar“ der heutigen Zeit.

Abschließend konstatieren wir einem stramm auf den achtzigsten Geburtstag zugehenden Mann eine rege Kreativkraft. Die Blüte seines Schaffens bleibt hoffentlich noch einige Jahre erhalten und vielleicht können wir ihn noch das eine oder andere Mal auf den Bühnen der Welt willkommen heißen. Zu wünschen ist es McCartney und seinen Fans allemal. Segel hissen und ab in die Fluten – mit oder ohne Kompass.

Fazit

6.1
Wertung

Die Platte ist nur bedingt mit dem Vorgänger „Egypt Station“ vergleichbar. Trotz oder gerade wegen schwerlich erkennbarer Konzeption wirkt das Album nie langatmig oder abgedroschen. Ein versöhnliches Ende für das Jahr 2020.

Marco Kampe