Paul McCartney mit „Egypt Station“ - „Aus dem kann echt was werden“

Was mache ich wohl, wenn ich mal über 70 bin? Wahrscheinlich vor meiner Musikanlage sitzen und diese anschreien, dass früher alles besser war. Paul McCartney bringt stattdessen ein Album namens „Egypt Station“ heraus und beweist, dass es auch anders geht.
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Man muss sich sehr gut überlegen, was man in diesem Alter macht. 76 Jahre ist der Bassist der Beatles nun alt, aber zur Ruhe kommt er nicht. Und so bringt er sein 17. Studioalbum heraus, „Egypt Station“ heißt das gute Stück. Für die Promo wurde sein Instagram Account reaktiviert und mit kryptischen Bildern gespickt, was irgendwie fehl am Platze wirkte. Der alte Mann und das Internet – das kennen viele von zu Hause und assoziieren nichts Gutes damit. Das warf dann auch bald die Frage auf, ob das Album auch so jung und modern klingen soll und die Antwort war erschreckenderweise: ja. Doch der Schreck wiederum ließ erschreckend schnell nach, denn was sich der alte Mann auf seine Platten gepresst hat, ist ein absolut starker Mix.

McCartney grast verschiedene Stile, verschiedener Richtungen ab, um sie auf seine eigene Art zu präsentieren. Zwar startet das Album mit „I don't know“ reichlich unspektakulär, doch wer nicht gleich aufgibt, der wird belohnt. Was folgt, ist im Grunde Danko Jones, nur etwas langsamer und mit der Stimme von Paul McCartney. Aber ansonsten passt es einfach. Von den Riffs bis zum Schlagzeug klingt „Come on to me“ stark nach dem kanadischen Künstler. Das setzt sich in „Who Cares“ fort, nur dass da der Sound von Danko Jones mehr mit dem eigenen McCartney-Stil poliert wurde und so dann doch allein durch dessen Stimme etwas sauberer klingt.

„Fuh You“ weckt daraufhin sehr gemischte Gefühle. Obwohl sich alles gut ergänzt, vom elektronischen Beat bis zu den dazugehörigen Effekten und dem Gesang, klingt dieser Song wieder fremd. Es klingt ziemlich exakt nach den Imagine Dragons, genauer gesagt nach „Thunder“. Und obwohl es ein starker Track ist, so stellt sich doch die Frage, warum einer der erfolgreichsten Musiker, Songwriter und Komponisten sich doch ziemlich intensiv an einem fremden Song orientiert – und das ist noch recht freundlich formuliert. Doch man will ja nicht so sein: Der Track macht wirklich Spaß und die Stimme von McCartney in einem so modernen Klangteppich gehüllt zu hören, hat auch etwas Erfrischendes. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle keinen Kommentar über sein Rihanna-Feature hören!

Lieder wie „Confidante“ liefern später den McCartney Fans aus früheren Tagen Futter.

Es ist meist eine sehr abwechslungsreiche Platte, auf der es der Ex-Beatle schafft, für ihn ungewohnte Klänge in seinen Stil einzubauen.

Eine Ausnahme ist „Back in Brasil“ mit der Synthesizer Begleitung und dem elektrischen Schlagzeug, sodass der Song nur hektisch und nervös klingt. Der penetrante Beat mit dem immer etwas schiefen Synthesizer, dazu noch der mehr rezitierte Gesangspart – das bis zum Ende durchzustehen ist eine echte Geduldsprobe.

Doch mit dem Abschluss von “Egypt Station“ vergisst man diesen Fauxpas ganz schnell. „Hunt you down/Naked/C-Link“ bietet die Vielseitigkeit eines Triggerfinger-Songs, nur in gut. Die musikalische Untermalung und auch stellenweise der Gesang erinnern sehr stark an die britischen Indie-Pop-Rocker von The Heavy. Wieder ein erstaunlich schneller Beat, dazu diesmal Trompeten und eine E-Geige. Das ist starker Tobak, bis ziemlich plötzlich das Geschehen langsamer wird und statt Trompeten und E-Geige gesellt sich ein Piano zum Geschehen. Bis auch das weniger und zu einem lang anhaltenden Synthie-Ton wird, der eine einsetzende verzerrte E-Gitarre begleitet. Dieses Solo ist sehr langsam und hat eine entspannende, regelrecht einschläfernde Wirkung, doch es klingt einfach irre gut. Was für ein Finale.

 

Es ist doch schön, wenn man sich im Alter noch ein wenig ausprobieren kann, denn genau das macht Paul McCartney auf „Egypt Station“. Und es hat sich bewahrheitet, was all die Kommentatoren unter dem Video von McCartneys Rihanna Feature geschrieben haben: „Aus diesem McCartney kann auch was werden.“ Wie wahr, wie wahr.

 

Fazit

6.8
Wertung

Irgendwie hat der alte Herr es geschafft, ein Album aufzunehmen, dass von seinen neuen Einflüssen erschlagen wird. Sie ist einfach gut. Nichts Weltbewegendes, was dich fesselt und dich jubeln lässt, einfach gut.

Moritz Zelkowicz
5.3
Wertung

Die Moderne trifft den umtriebigen Mastermind blitzartig; doch statt Kollateralschäden zu hinterlassen, löst der Spannungs-Überschuss eine Initialzündung aus. McCartney muss sich eben nicht hinter überproduzierten Retortenklängen verstecken. Abwechslungsreiche Popmusik!

Marco Kampe