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Palisades und „Erase The Pain“: Retten, was übrig ist.

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Mo, 31.12.2018 - 12:45
Die amerikanische Post-Hardcore-Band musste etwas loswerden. Das merkt man „Erase The Pain“ an. „Sei du selbst, wann immer, wo immer und so gut es eben geht“ ist der Grundtenor dieser vorwurfsvollen Platte.

Bereits letztes Jahr veröffentlichten Palisades ein Album. „Erase The Pain“ kommt gerade noch so 2018. Das, was die Band auf diesem Album adressiert, könnte vielen gerade zu Weihnachten aus der Seele sprechen. Die vorab veröffentlichten Singles „Fragile Bones“ und „War“ behandeln zwei Facetten des Nicht-man-selbst-sein(-können)s. Ersteres greift die zwanghafte Selbstverstellung auf. Dort, wo man nicht so sein kann, wie man eigentlich ist, wo einem der Mund verboten wird, wo man sich Stück für Stück reduziert auf was gestattet oder angemessen scheint, bis nichts von einem selbst übrig ist, setzen Palisades mit diesem Song an. Sei es nun, um das verbohrte Großtantchen nicht aufzuregen, beruflich weiterzukommen oder den Erwartungen anderer einmal mehr gerecht zu werden – der Drang zur Selbstverleugnung ist niemals akzeptabel.

Die erste Single „War“ betrachtet eine Seite von Angewohnheiten, die einen selbst verzehren oder dir selbst schaden. Diese entwächst der verdammten Kurzsichtigkeit, des nur von der Tapete bis zur Wand Denkens insbesondere beim Lösen von Problemen. Der Vers „But if you try to clean with kerosene you’ll burn away“ bringt genau das auf den Punkt: Übergangslösungen, die das Große und Ganze langfristig nur verschlimmern und im schlimmsten Falle nicht nur uns sondern auch noch andere beeinträchtigen. Da, wo wir so eingenommen sind vom Verbiegen und Verbogen werden, von den Leiden des Lebens und des sorgenvollen Daseins und schnelle Abhilfe oder Zerstreuung brauchen, um das alles irgendwie auszuhalten, etablieren sich ebenjene selbstzerstörenden Verhaltensweisen, die uns wegzerren, von was und wem wir wirklich sind.

Die kathartische Aufarbeitung der Interdependenz zwischen dem inneren Selbst und dem, was davon nach außen tritt oder dringen darf, ist der rote Faden auf „Erase The Pain“. Die gleichnamige und wohl identitätsstiftende Nummer auf dem Album äußerst den Wunsch, auf Lebzeiten immer wieder vergeben und vergessen zu können, ohne dass es einen selbst kaputt macht. Sterben um zu Fühlen, die letzte Gewissheit, dass man doch am Leben war, die ganze Zeit, auch wenn es sich nicht so offenbaren wollte. Der Versuch, der letzte Griff des langen Arms nach einer Rettungsleine, der kleinsten Chance, zu bewahren, was von dir noch übrig ist.

 

Den Closer „Shed My Skin“ kann man so verstehen, dass das bildhafte Ablegen der alten, mitunter falschen Haut, die Wahrheit darunter offenlegt. Dieser irgendwie positiv, befreienden Auslegung kann man jedoch eine düstere, fremdbestimmte gegenüberstellen: Das Wechseln der Haut verglichen mit einem Kostümwechsel, die drangsalierte Umgestaltung der eigenen Hülle. Doch selbst dieser Deutung haftet ein Hoffnungsschimmer an. Solange nur die Hülle umerzogen wird, bleibt doch das ausfüllende Wesen gleich.

„Erase The Pain“ ist inhaltlich sehr bewegend. Musikalisch hat keine allzu große Veränderung stattgefunden. Palisades Post-Hardcore bewegt sich weiterhin gediegen zwischen klaren und gutturalen Vocals, bretternden Scheppergitarren mit Metalcore-Ambiente, melodischen Hooks oder Refrains, durchzogen von feinen Synth-Elementen. Die Brachialität, die sich auf dem 2013er Album „Outcasts“ noch in Louis Micelis Schreien und der Mehrheit der Gitarrenriffs findet, haben Palisades in dieser Form schon spätestens mit dem Vorgänger von „Erase The Pain“ abgelegt. Die Power fehlt aber keineswegs und eine großformatige klangliche Weiterentwicklung ist grade in diesen Genres für viele Bands a) schwierig zu gestalten und b) nicht nötig, da schon Nuancen ausreichen, um auch weiterhin ansprechend zu bleiben und nicht repetitiv zu werden. Palisades liefern hier also ein durchaus erwähnens- und hörenswertes Album ab, das vor allem inhaltlich durch das Gegenteil von Oberflächlichkeit besticht.