"One More Light" - Linkin Parks Beerdigung

Das neue Linkin Park-Album macht ungefähr so viel Spaß wie eine Familienpackung Smarties nach Farben zu sortieren. Zu ihren alten Nu-Metal-Tagen sollte die Band deswegen aber noch lange nicht zurückkehren.
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Schaut man sich die jüngsten Kommentare auf Linkin Parks Social-Media-Kanälen an, scheinen zwei wütende Fraktionen aufeinander zu prallen. Die eine Seite wünscht sich nach den neuesten Pop-Ausflügen der Kalifornier endlich wieder ein „Hyrid Theory“-Album. Die Gegenbewegung verteidigt die Band mit ihrer Wandlungsfähigkeit und ist begeistert, wie sich Linkin Park immer wieder neu erfinden. Wie üblich hat bei so haltlosen Netz-Anfeindungen natürlich keiner Recht. „One More Light“ ist nicht schlecht, weil es kein „Hybrid Theory“ ist. „One More Light“ ist schlecht, weil es auch ganz für sich allein gesehen eine geballte Ladung Belanglosigkeit ist.

Denn was viele vergessen zu haben scheinen: Linkin Park können Pop. 2010 veröffentlichten die Crossover-Veteranen mit „A Thousand Suns“ eine Platte, die so gar nichts mit dem alten Sound der Gruppe zu tun hatte. Trotzdem war dieses Album unglaublich atmosphärisch, konzeptionell beeindruckend und ist bis heute – wenn man einmal alle Nostalgie abstreift – wohlmöglich das beste Werk der Band. Das 2014 erschiene „The Hunting Party“ hingegen war wieder eine echte Rock-Platte, die aber abseits von verzweifelten Versuchen hart zu klingen und plattem Songwriting absolut nichts zu bieten hatte. Letztendlich schien dieses Werk nur ein Alibi zu sein, um Fans der ersten Stunde zufriedenzustellen. Die Richtung, die „One More Light“ nun einschlägt, überrascht demzufolge wenig.

So erreichen Linkin Park 2017 also den Gipfel der Plattitüden. Zehn Songs hat die neue Platte der Kalifornier zu bieten, keiner davon zeigt auch nur ansatzweise Ecken oder Kanten. Stattdessen dudelt Chester Bennington mit Mike Shinodas Laptop als Feature-Gast durch Tracks, gegen die selbst ein Song der Chainsmokers wie ein Werk von Pink Floyd wirkt. Wenn man sich für „Heavy“ eine seelenlose Plastik-Sängerin wie Kiaara ins Boot holen muss, ist das eigentlich schon Armutszeugnis genug. Wenn diese auf dem eigenen Track aber dann noch besser klingt als man selbst, ist das der Gipfel der Bodenlosigkeit. Linkin Park haben noch nie für sonderlich ausgefeilt geschriebene Songs gestanden, auch auf „Hybrid Theory“ nicht. Was sie hier bieten ist aber wirklich die Spitze der inspirationslosen Unkreativität. Keine Akkordfolge, kein Arrangement, kein Ton und kein Konzept der Platte wissen auch nur ansatzweise zu überraschen. Stattdessen passen sich die Tracks auf „One More Light“ mit übermäßiger Penetranz dem seelenlosen Formatradio an. Generation Spotify wird sich mit diesem Mist vielleicht noch zufriedengeben, allen anderen wird spätestens bei nervig-gepitchten Scooter-Stimmen wie im Opener „Nobody Can Save Me“ die Galle hochkommen.

Linkin Parks Problem ist nicht, dass sie ein Pop-Album machen, sondern dass sie ein grausames Pop-Album machen. „One More Light“ klingt wie das Werk einer Schülerband, die unbedingt mal Musik machen will, aber außerhalb von Youtube-Fruity-Loops-Tutorials und den Top Ten der Charts keinerlei Idole vorzuweisen hat. Wenn Chester Bennington in den konstant gleichen Refrains in lyrischer Egalität immer und immer wieder den Songtitel vor sich hin wimmert ist das einfach nur peinlich, banal und geradezu lächerlich langweilig. Dass diese Band mit so einem Schwachsinn trotzdem noch riesige kommerzielle Erfolge feiert, zeugt von einer erschütternden Anspruchslosigkeit der Masse. Ein neues Werk im Nu-Metal-Stil könnte diese traurige Truppe auch nicht mehr retten – Linkin Park haben die Kunst des Musikmachens sowieso in jeglicher Hinsicht verlernt.

Fazit

1.4
Wertung

Zwölfjährige Tumblr-Mädchen haben mit diesem Album wieder genug pseudo-tiefgründige Zitate für ihre Blogs, alle anderen werden angesichts der erschreckenden Ideenlosigkeit der Platte Reißaus nehmen. Immerhin: Das Artwork ist tatsächlich sehr hübsch geworden.

Jakob Uhlig
1.1
Wertung

Linkin Park schafft es, ein Paradebeispiel dafür zu setzen, dass man nicht immer die Musik machen sollte, die man im Privatleben hört. Vielleicht ist das ja gar nicht das richtige Album und das gute Ding erscheint später. Bis dahin ist es aber ein Brei aus Bieber, Rihanna und jeglichem Cloud-Pop.

Ole Lange