NRVS LVRS und "Electric Dread": Mit Substanz im Zeitgeist

Opulente Synthesizer, abstraktes Album-Artwork, Bandname ohne Vokale – NRVS LVRS könnten das nächste große Hipster-Ding werden. Zum Glück ist das zu kurz gedacht.

Ja, völlig aus diesem Kosmos ausschließen kann man das US-amerikanische Electronic-Duo auch nicht. Geladene 80er-Sphären-Soundtracks wie „Neon Black“ oder das im Staccato-Streicher-Teppich badende „Silver Spoons“ folgen eindeutig dem Fahrwasser von The XX und ebnen so den Weg für ein Publikum aus bärtigen Skinny-Jeans-Trägern und Kunstgeschichte-Studentinnen. Das tut „Electric Dread“ aber absolut keinen Abbruch, denn im Gegensatz zu den Werken zahlreicher anderer Indie-Trendgruppen stecken hinter den Tracks von NRVS LVRS tatsächlich ausgefeilte Klangkonzepte und kluge Songwriting-Ideen. So wird das Album zum Soundtrack einer Party im Hamburger Schanzenviertel, der mit bewusstseinserweiternden Drogen sicherlich noch faszinierender wirkt, aber auch so schon genug Substanz besitzt.

Wirklich beeindruckend ist aber, wie NRVS LVRS es schaffen, ihre Songs nicht zu einem andauernden Rausch verkommen zu lassen, sondern den einzelnen Kapiteln ihrer Platte sehr individuellen Charakter zu verleihen. So versteckt „Rich Man“ hinter seinen surrenden Synthesizern plötzlich einen wilden Garage-Rock-Song, „I Don’t Know Anyone“ klingt wie ein störrischer Alt-J-Remix des „Mission Impossible“-Themas, und „I Am Almost Perfectly Awake“ verwurzelt sein Saxophon-Solo wie eine wohlklingendere Version von Ex Eye. Dadurch mag man beim Genuss von „Electric Dread“ manchmal kaum glauben, wie dieses Genre-Ungetüm voller Anleihen aus den gegensätzlichsten Sound-Pools schlussendlich eine so logische Vollständigkeit findet. Doch schließlich ist genau das die wohl befriedigendste Eigenschaft dieses spannenden Albums.

Fazit

7.5
Wertung

So schöne Elektronik habe ich schon lange nicht mehr gehört. "Electric Dread" ist unheimlich atmosphärisch und dabei gleichzeitig so durchdacht, ohne es einem ins Gesicht zu schreien. Mit so etwas sollte die Hipster-Kultur viel öfter gefüttert werden.

Jakob Uhlig