Nervus und „Tough Crowd“: Nie wieder „No Future“

Für viele mögen die Briten Nervus hierzulande noch unter dem Radar fliegen, dabei tourte die Band bereits mit Größen wie Worriers oder gar Anti Flag. Das neue Album hat aber das Potential, das Quartett auch deutschlandweit bekannt zu machen.
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Als ein Genre-Gemisch aus Indie, Alternative und Punk kann man die Musik von Nervus wohl am ehesten beschreiben. Gepaart wird dies mit hymnischen Gruppen-Chören, die sowohl raue Frauen-, klare Männer- und beschwingte Gospel-Stimmen enthalten. Aber die Musik lebt vor allem durch die Lyrik der Frontfrau Em Foster. Während die Sängerin auf ihrem ersten Album „Permanent Rainbow“ eine lyrische, persönliche Katharsis durchmacht und Themen wie die eigene Andersartigkeit und Gender-Dysphorie verarbeitet, knüpft die dritte Platte dort an, wo das zweite thematisch stehen geblieben ist: beim Menschen und der Umwelt.

Während die erste Hälfte des Werks sich hauptsächlich mit gesellschaftlichen Strukturen und den Menschen darin beschäftigt, besingt Em Foster in der zweiten Hälfte den menschengemachten Klimawandel und die Zerstörung des Planeten. Das Album bleibt aber nie nur destruktiv. So erzählt die Sängerin: „Ich möchte, dass sich die Leute freuen und gleichzeitig sauer sind. Ich möchte, dass Leute aufhören, ihre Fähigkeit zu unterschätzen und merken, dass sie Dinge ändern können. ‚Tough Crowd‘ beschäftigt sich mit dem Hier und Jetzt und den Situationen, in denen wir uns mit Einschränkungen, dem Aufstieg des Faschismus in Europa und den zunehmenden Spaltungen und Spannungen in der Gesellschaft konfrontiert sehen." Damit trifft sie den Zeitgeist und fasst die Gedanken vieler jungen Menschen auf. Wo Punk-Bands vor 40 Jahren noch „No Future“ sangen, hat sich diese Attitüde heute ins konstruktive gewandelt.

Leider vermisst man aber auch etwas den Biss auf der Platte, um die Forderungen nach mehr Zukunft zu untermauern. Auch wirkt die Produktion an wenigen Stellen in Punk-Maßstäben etwas überladen, was aber gleichzeitig hilft, in den Indie und Alternative-Parts zu glänzen. Und das Nervus keine reine Punk-Band sein wollen, beweist allein der Fakt, dass neben klassischen Drums, Gitarre und Bass auch ein Keyboard/Synthesizer auf der Bühne steht.

Auch wenn „Tough Crowd“ das Rad nicht neu erfindet, schafft die Band ein Album, das mal eingängig und mitsingbar, mal wütend und chaotisch wild ist und zwischen ruhigen Nummern wie „Burn“ und punkigen Nummern wie „Piss“ schwankt. Besondere Hörempfehlung ist aber direkt der Opener „Flies“.

Fazit

6.9
Wertung

Ein solider Eintrag in die Diskographie der Band mit starken Gruppenchören und Themen, die den Zeitgeist treffen.

Niels Baumgarten

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