Muff Potter und „Bei aller Liebe“: Quo Vadis?

„Who the Fuck is Muff Potter?“ fragen die T-Shirts, die im Bundle mit „Bei aller Liebe“ verkauft werden. Das Album zeigt: Eine Antwort darauf hat wohl die Band selbst nicht. Aber braucht sie die überhaupt?
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Das letzte Muff-Potter-Album ist 13 Jahre her. Seitdem ist viel passiert: eine Abschiedstournee, die Auflösung, die Eingewöhnung in mehr oder weniger bürgerliche Existenzen als Schreiner oder Schriftsteller, erste Versuche, wieder gemeinsam Musik zu machen, eine Überraschungsreunion bei Jamel rockt den Förster (dem einzigen wirklich relevanten Festival in Deutschland), zwei Tourneen, eine neue Single, der Ausstieg des langjährigen Gitarristen Dennis Schrader, der Einstieg von Band-Freund Felix Gebhard. Und jetzt nun dieses Album.

Eine übliche Floskel, um so ein Comeback-Album zu beschreiben, ist: Als wären sie nie weg gewesen. Aber das zu schreiben wäre eine glatte Lüge. „Bei aller Liebe“ hört man an, dass es nicht nahtlos da anschließt, wo „Gute Aussicht“ 2009 aufgehört hat. Schon alleine deswegen, weil es drei der längsten Songs enthält, die die Band je aufgenommen hat. Da musste offensichtlich viel raus.

Das merkt man auch in der Themenwahl von Thorsten Nagelschmidts Texten: Im Grunde ist „Bei aller Liebe“ die Vertonung des Wunsches nach Ausbruch, aus dem Klein des eigenen Ichs („Ich will nicht mehr mein Sklave sein“) ebenso wie aus der großen, allumfassenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung („Nottbeck City Limits“).

Diese Stimmung wird vom Opener „Killer“ bereits vorgezeichnet: es erzählt die kleinen Geschichten, die in der Großstadt hinter jedem Fenster gelebt werden zum Klang von offen angeschlagenen Gitarrenakkorden, um schließlich mit dem Einsatz der gesamten Band die großen Fragen zu stellen: „Und wie wollen wir leben und wie wollen wir sterben?“

Die Highlights des Albums sammeln sich immer wieder in diesen beiden Polen. „Ein gestohlener Tag“ erzählt von einem ebensolchen: Im Bett ist gerade noch Platz für dich und das Wort zum Montag ist „Mach mal blau“. In der zweiten Hälfte des Achtminüters steigern sich Muff Potter fast manisch in das Mantra „Turn On, Tune In, Drop Out, Start Up, Fuck Off“. Das ist im Grunde die auf zehn Wörter kondensierte Geschichte und Kritik der mittlerweile weltweit verbreiteten Silicon-Valley-Kultur, in der die Hippies gelernt haben, dass es okay ist, sich ausbeuten zu lassen, wenn man dafür den Boss duzen darf.

Apropos Ausbeutung: Unweit des Kulturguts Haus Nottbeck, in dem Muff Potter das Album geschrieben haben, steht die Fleischfabrik von Tönnies. Der Spoken-Word-Text von Nagelschmidt (der in seinem anderen Leben übrigens auch sehr gute Romane schreibt) stellt den Alltag der Band dem der mit Scheinwerksverträgen angestellten Arbeiter:innen aus Osteuropa gegenüber und wird schließlich zum klassenkämpferischen Zitatfeuerwerk.

Neben diesen expansiven Stücken gibt es aber auch Songs, die auf den Punkt zünden wollen und es einfach nicht schaffen: Gerade die postpunkigen „Flitter & Tand“ und „Hammerschläge, Hinterköpfe“ kranken an ihren zeitgeistigen Nicht-Aussagen und den vergleichsweise schwachen Hooks, trotz spannender Parts von Bassist Dominic Laurenz und Schlagzeuger Thorsten Brameier. Dass dieses Song-Konzept aber aufgehen kann, zeigt „Privat“ in knapp über einer Minute Spielzeit.

„Bei aller Liebe“ zeichnet das Bild einer Band, die noch nicht ganz weiß, wohin sie ihr weiterer Weg führen wird. Normalerweise ist das eher ein Phänomen, das bei jungen Bands auftritt. Aber irgendwie sind die neugeborenen Muff Potter ja auch wieder eine junge Band. „Who the Fuck is Muff Potter?“  Das werden sie und wir hoffentlich in ihrem zweiten Frühling herausfinden.

Fazit

7
Wertung

Ich war lange skeptisch, ob diese Platte wirklich notwendig ist. Die ersten Singles hatten mich eher kritisch gestimmt. Nachdem ich das ganze Album gehört habe, denke ich: Notwendig war es nicht, aber ich bin zumindest froh, dass es "Bei aller Liebe" gibt.

Steffen Schindler