Millencolin und „SOS“: Skatepunk at it's finest!

Auch wenn der Bandname der Schweden sich vom Wort „Melancholy“, einem Skateboard-Trick, ableitet, hat die Musik der Band nur bedingt etwas mit Schwermut gemein. Millencolin lernten sich beim Skaten kennen und spielen auch heute auf „SOS“ noch Skatepunk, wie er eingängiger und schöner nicht sein könnte, ohne dabei die nötige Kritik zu verlieren.
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Das Kennenlernen der Bandmitglieder trug sich Ende der 80er-Jahre im schwedischen Örebro zu. Nachdem Erik, Nikola und Mathias in diversen schwedisch singenden Bands spielten, wurde im Jahr 1992 Millencolin geboren und es gelang der Band bereits im Jahr 1993 mit dem zweiten Demotape einen Vertrag beim schwedischen Label Burning Heart abzugreifen, mittlerweile mit englischen Texten. Dass sich die weite Welt des Punkrocks mit englischen Texten besser erschließt als in jeglichen Heimatsprachen, war damals wie heute kein Geheimnis. Das Hobby der Jungs hat wesentlichen Einfluss auf ihre Musik. Eiferte man damals noch Vorbildern wie Bad Religion oder Descendents nach, haben sich Millencolin in der Zwischenzeit längst zum Vorbild für andere entwickelt. Der größte Erfolg der Gruppe war der Sprung auf den zweiten Platz der schwedischen Charts mit dem 2005 erschienenen Album „Kingwood“, und auch „SOS“ erfüllt vierzehn Jahre später hohe Erwartungen, indem es eingängige Punkmusik in hervorragender Qualität bietet.

Schon das Cover der Platte ziert ein Bild, welches zum Nachdenken anregt. Es ist sowohl Spiegel der heutigen Zeit, als auch Blick in die Zukunft, da es die Trends in Sachen menschlichem Verhalten und Umweltbewusstsein schonungslos darstellt. Auf einem im Meer schwimmendem Fleckchen Erde herrscht der alltägliche Wahnsinn unseres Lebens. Bomben fliegen von A nach B und umgekehrt, die Umwelt wird von Industriebetrieben verseucht, als Revanche tobt ein Wirbelsturm und die Gletscher schmelzen. In der Folge bleibt dem Eisbären, welcher auf einer Eisscholle einsam auf dem Meer treibt, lediglich der Blick gen Himmel. Dort wiederum hält sich ein toter Vogel am Schriftzug der Band fest. Die Gesteinsformationen der dargestellten Welt bilden in fetten Lettern das Wort SOS, eine Message, wie sie die Meinung und Haltung der Band deutlicher kaum widerspiegeln kann. Wer genau hinsieht, kann sogar die Logos großer Social Media Plattformen entdecken, die ihren Teil zum Chaos beitragen.

Was auf „SOS“ musikalisch passiert, hebt sich von der eher bedrückenden Situation des Covers zweifelsohne und klar ab. Millencolin feuern Skatepunkhymnen aus allen Rohren und werden bei Fans der „Großen“ des Genres, wie beispielsweise Pennywise oder NOFX, damit auf offene Ohren stoßen, wobei die Ähnlichkeit zur Musik von Pennywise wohl die größere ist. Trotzdem sind Millencolin keineswegs als Abklatsch oder Kopie zu betrachten, sie füllen dasselbe Genre mit eigenem, kreativem Leben. Hierbei dauert es keinen halben Song, bis man sich im Sound der Schweden rundum wohlfühlt. Bereits die ersten Zeilen des Openers „SOS“ demonstrieren, wie geil Nikolas Stimme und Punkmusik zusammen funktionieren. Dazu servieren die Jungs noch einen flotten, mitsingbaren Refrain und fertig ist die Punkrockhymne, die es auf „SOS“ mehr oder weniger im Dreiminutentakt auf die Ohren gibt. Wer mit Skateboard-Videospielen groß geworden ist, kann sich nahezu zu jedem Song vorstellen, wie es durch Tasten-Kombos Punkte für Ollies oder Kick Flips hagelt.

Dennoch ist das Album weit entfernt von Eintönigkeit. „Millencolin“ lassen keine Langeweile aufkommen, variieren Tempo und Melodien und geben einem somit nicht das Gefühl, immer und immer wieder das gleiche hören zu müssen. Besonders gute Beispiele hierfür und absolute Anspieltipps, um diese Abwechslung wahrzunehmen, sind „Nothing“, „Reach You“ und „Let It Be“. Bei aller Schönheit der Musik präsentieren sich die Schweden aber in ihren Texten auch durchaus kritisch. „Do You Want War“ überspitzt Alltagssituationen und die daraus resultierende Aggression, „SOS“ beschreibt das Gefühl, von der Gesellschaft aufgefressen zu werden, weil man seinen eigenen Augen und Gefühlen nicht mehr trauen kann. „Caveman's Land“ degradiert den Gedanken, dass irgendjemand einen Anspruch auf irgendein Land hätte in längst vergangene Zeiten.

„SOS“ ist jedem Fan von der hier beschriebenen Musik ein Segen und hat das Zeug dazu, dabei nicht so schnell in Vergessenheit zu geraten, wie es vielen anderen Werken immer wieder ergeht. Die Musik der Schweden versprüht gute Stimmung, lässt die Ohrwürmer sich tief in die Gehörgänge der Hörerschaft fressen und sich nicht selten dort langfristig einnisten. Wer darauf Bock hat, macht mit Millencolin und „SOS“ mit Sicherheit nichts falsch.

Fazit

8
Wertung

„SOS“ gehört für mich zu Musik, die ich gerne als „Sommermucke“ betitele. Diese Musik macht aus, dass sie zu einem lauen Sommerabend unter freiem Himmel passt und auch wie jetzt im Winter in meiner Vorstellung damit kompatibel ist. Draußen liegt der Schnee und Millencolin knipsen im Kopf den Sommer an und liefern ein Album, welches man ohne Ausnahme in die eigene Punkplaylist übernehmen kann, um genau zu diesen Anlässen da zu sein.

Mark Schneider