Marathonmann und "Die Angst sitzt neben dir": Resignation und Hoffnung

Fight Fire With Fire? Angst mit Angst bekämpfen? Marathonmann erzählen auf "Die Angst sitzt neben dir" viele Geschichten von Angst, die noch viel mehr beinhalten als das. Und, ach ja, sie räumen ganz elegant sämtliche Genrediskussionen aus.
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Eines fällt sofort auf, sobald der Gesang in „Totgeglaubt“ einsetzt: Michi hat dazugelernt. Sein Gesang hat sich verändert, ist cleaner geworden. Das ist beim ersten Durchhören auch der allgemeine Eindruck, nicht nur von Michi, sondern von der ganzen Truppe. Was sich auf „Mein Leben gehört dir“ schon stark angedeutet hat, wird nun Gewissheit. Zwar bleibt das Schlagzeugspiel gewohnt prägnant markig, aber alles andere wirkt gediegener, cleaner und nicht zuletzt sogar komplexer. Fällt in "Totgeglaubt" nur der Gesang auf, ist es in „Flashback“ auch das Gitarrenspiel, welches mit seinem sphärischen, halligen Klang einen ungewohnten Sound in den Song bringt. Aber das passt! Besonders zu „Flashback“, diesem so schmerzlichen Blick in die Vergangenheit. Diese Angst, beim Blick in die Vergangenheit festzustellen, dass man es selbst war, der sich verändert hat und nicht die Anderen. Dieser Track vermag es, einem ein mulmiges Gefühl zu verpassen.

Dieses Gefühl durchzieht auch „Nie genug“. Die zweite Vorabsingle ist überraschend schnell und schmissig und kommt auf Konzerten erwiesen gut, wurde mancherorts der Song schon live gespielt. Aber auch hier ist es unangenehm sich selbst zu erkennen, in den Folgen von ständigem und ewigem „Ich will, Ich will“. Marathonmann wissen auf „Die Angst sitzt neben dir“ genau, wie sie Nerven beim Hörer treffen können.

In „Die Vergessenen“ geht es einerseits zurück zu den Wurzeln, aber irgendwie auch nicht. Der Sound ist wieder dreckiger, roher und härter. Michi packt wieder das Reibeisen aus und lässt auch Shouts hören. Allerdings nicht den ganzen Track durch, denn er lässt auch wieder seine starke Singstimme hören und außerdem ist „Die Vergessenen“ wieder durchzogen von sauberen, sehr klaren Riffs. „Die Bahn“ ist ein absolutes Emotionsmonster und eines der großen Highlights auf „Die Angst sitzt neben dir“. Dieser ruhige Track drängt sich unbemerkt auf und legt sich so bleischwer auf das Gemüht. Ein kleines Manifest, das einen jeden Abschiedsschmerz in drei Minuten packt. „Die Bahn“ hat keinen Refrain, aber den vermisst man auch nicht. Es sind einfach drei Minuten Schmerzen. Die Ruhe, die Michi mit seinem Gesang ausstrahlt, tut am Ende ihr übriges.

„Schachmatt“ ist gleich das nächste Highlight des Albums. Es war die erste Vorabsingle und die verbindet die beiden Genres, zwischen denen Marathonmann sich bewegen. Die Power, die Energie und auch das Geschrei des Post-Hardcore trifft auf das Tempo der Punkader. Dazu diese Erzählung von Übermüdung aufgrund von Alpträumen, atmosphärisch bis zur Gänsehaut. „Die Angst sitzt neben dir“ vermittelt vor allem eines: Es ist okay Angst zu haben, denn das haben wir alle irgendwann mal. Diese Hoffnungsvolle Botschaft muss man aber erstmal heruasfinden, in dieser Wüste aus Angst, Trauer, Wut und Resignation. Doch sie prägt dieses hervorragende Album, welches Marathonmann herausragend inszenieren. Auch wenn sie sich keinem Genre klar zugeordnet haben. Aber das ist auch verdammt gut so.

Fazit

7.9
Wertung

Mut machen ohne Mut zu machen. Schrödingers Resignation? Ich weiß nicht viel von Psychologie, aber wohl davon, wie großartig dieses Album geworden ist. Der Unterhaltungswert ist sehr hoch und musikalisch ist es das beste Marathonmann-Album bisher. Und natürlich ist „Die Angst sitzt neben dir“ auch textlich wieder eine Eins. Ich ziehe meinen Hut und bin auf die Live-Umsetzung mehr als gespannt.

Moritz Zelkowicz
6.1
Wertung

Mit „Die Angst sitzt neben dir“ präsentieren Marathonmann ein lautes, abwechslungsreiches viertes Album. Neben Post Hardcore/Punk sind auch ruhigere Songs zu finden, die zwischen der ansonsten vorherrschenden Hektik Luft holen lassen und mindestens genauso gut gelungen sind. Gerade „Die Bahn“ geht unter die Haut, da es sehr nahe kommt. Eine gelungene Platte ist „Die Angst sitzt neben dir“ geworden, die Spaß macht zu hören, obwohl ihr Thema die Angst ist.

Lara Teschers