Lizzard und “Eroded”: Wir brauchen einen Seismographen!

Das französische Trio Lizzard bringt mit ihrem vierten Studioalbum ganze Sedimentschichten zum Bröckeln. Das äußert sich mal in fissurartigen Riffs und mal auch in staubtrockenen Klischees.
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Der Begriff Erosion beschreibt in der Geologie die Abtragung von Gesteins- und Sedimentschichten im Laufe der Jahrtausende. Erosion ist ein langsamer, aber unaufhaltsamer Prozess. Lizzard wählen die englische Vergangenheitsform als Titel für ihr aktuelles Album. Ein Blick auf die Tracklist verrät, dass sich das Thema Verfall und Abnutzung wie ein roter Faden durch die elf Tracks der Platte zieht. Da wäre zum einen das Opener-Duo bestehend aus “Corrosive” und “Blowdown”. Der letztere Song referenziert den Prozess der Absalzung, bei dem das Wasser in einem Behälter entsalzt wird, um Abnutzung durch Korrosion vorzubeugen. Ironischerweise kommt der “Blowdown” hier etwas zu spät, denn das schwermütige Gitarrenriff aus “Corrosive” wurde bereits durch elektronische Noise-Einwürfe zersetzt. Weitere Naturgewalten bekommen die Hörer:innen mit den brachialen Riffs von “Flood” und “Avalanche” zu spüren, die wie Tsunamiwellen unnachgiebig an die akustischen Deiche prallen. In diesen Momenten entfaltet “Eroded” seine gesamte Wucht und lässt ungeheures Potential durchscheinen.

Leider versickern die Sturmfluten aus knorrigen Gitarren und geräumigen Drums allzu oft in zahmen Soundkonstruktionen, die der Platte einiges an Zerstörungskraft nehmen. Der Chorus zum Song “The Decline” greift mit seiner Stadionrockmelodie und den langezogenen Klagelauten von Sänger Mathieu Ricou etwas zu tief in die Pathosschublade, nur um kurz darauf wieder in ein erdrutschhaftes Gitarrenriff auszubrechen. Der vorherige Song “Hunted” ist getragen von einer an Polyphia erinnernden Gitarrenfrickelei, gipfelt zum Ende hin allerdings in einem Bon-Jovi-esken Hardrocksolo, nur echt mit Talkboxeffekt. Lizzard tänzeln auf “Eroded” zwischen wuchtigen Riffparts mit Prog-Einschlag und abgenutzten Klischees hin und her, jeder Song bietet ebenso viele Hinhör- wie Augenverdrehmomente.

Ist “Eroded” also nun der unzerstörbare Kern, den die Erosion zurücklässt, der imposante Canyon, den sie sich schafft, oder doch der abgetragene Bodensatz, der durch sie herausgewaschen wird? Die Antwort lautet wie so oft: ein bisschen von allem. Wer sich von den eher vergesslichen Momenten des Albums nicht abschrecken lässt, wird mit krachenden Gitarrenriffs und einer stimmigen Produktion belohnt. Im Großen und Ganzen bleibt “Eroded”, im Gegensatz zu seinem geologischen Vorbild, eine eher kurzweilige, wenn auch durchaus unterhaltsame Angelegenheit.

Fazit

6.5
Wertung

Lizzard liefern ein solides viertes Album mit einigen tollen musikalischen Momenten. Leider gehen die Ideen des Trios an einigen Stellen nicht wirklich auf. Ein holpriges, aber dennoch hörenswertes Album.

Kai Weingärtner