Little Simz und “Sometimes I Might Be Introvert”: Mit Pauken und Trompeten

Die Londoner Rapperin entfernt sich auf ihrem neuesten Album weiter von ihren Grime-Wurzeln — wenn man die überhaupt als solche bezeichnen kann — und liefert eine überlebensgroße Selbstfindungsreise.
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Knapp zwei Jahre nach dem von Fans und Kritiker:innen gleichermaßen umjubelten “GREY Area” legt Simz mit ihre neuen Platte eine weitere fulminante Kehrtwende hin. Der Opener “Introvert” wird seinem Namen ungefähr so gerecht wie Friedrich Merz dem gehobenen Mittelstand. Mit pompöser Orchestrierung und einem Musikvideo, dass sich in Sachen Produktionsbudget und Extravaganz nicht vor einem “This Is America” verstecken muss, bietet der Song, der auch als erste Single released wurde, einen Vorgeschmack auf die musikalische Richtung des Albums. Thematisch gibt das Sample der englischen Schauspielerin Emma Corrin, bekannt aus der Serie “The Crown”, Aufschluss: As you embark on a journey of what it takes to be a woman.

Was auf den nächsten 18 Tracks (vier davon Interludes) folgt, ist Simz’ musikalische Huldigung ihrer Vergangenheit, ihrer Herkunft und ihrer Kultur. Unmittelbar auf das oben genannte Sample folgt der Song “Woman” mit der Soul-Sängerin Cleo Sol, die schon auf einem Track des letzte Albums gastierte. Dieser soulige Lounge-Track ist einer von mehreren inbrünstigen Empowerment-Hymnen, auf denen Simz und Sol unterschiedliche Lebensentwürfe und Herkünfte schwarzer Frauen besingen. “Sometimes I Might Be Introvert” springt geschickt immer wieder von der Makro- in die Mikroebene und erzählt von den ganz persönlichen Geschichten und Umständen der Künstlerin. Durch die wiederkehrenden Samples, Interludes und deren märchenhafte Untermalung wird das Alice-im-Wunderland-Theme, dass schon auf Little Simz’ vorletzten Album “Stillness in Wonderland” etabliert wurde, zumindest metaphorisch weitergeführt. Corrins Stimme gesellt sich immer wieder zwischen die Rapeinlagen und führt die Protagonistin durch die Handlung des Albums.

Musikalisch ist “Sometimes I Might Be Introvert”, anders als der noch sehr urbane Vorgänger “GREY Area”, viel schriller und bunter gehalten. Simz und Producer Inflo mixen die dreckigen Beats und Bandinstrumentierungen immer wieder mit Hochglanz-Orchesteraufnahmen und afrikanischen sowie karibischen Klängen. Das unterstreicht zwar wunderbar das narrative Konzept der Selbstermächtigung, welches sich durch das Album zieht, wirkt aber an einigen Stellen immer wieder etwas aufgeplustert. Wer also gerade die düstere Soundästhetik der Vorgänger mochte, wird das hier etwas vermissen. Auch strukturell hat sich auf dem neuen Album einiges getan. Die Tracks verlaufen weitaus weniger schematisch als noch auf den letzten LPs. Die klassischen Verse-Hook-Strukturen weichen immer öfter linearen Erzählformen, wie man sie eher in einem Musical vermuten könnte. Simz’ Rapskill ist und bleibt nach wie vor allerdings extraklasse, wie die 27-jährige auf Tracks wie “Rollin Stone” oder “Point and Kill” eindrucksvoll unter Beweis stellt. Auch wenn keiner der Songs an die aggressive Intensität eines “Venom” oder “Boss” herankommt, ist “Sometimes I Might Be Introvert” doch ein sehr rundes Albumerlebnis einer der spannendsten britischen Rap-Künstler:innen der Zeit.

Fazit

7.5
Wertung

Auch wenn keiner der Songs an die aggressive Intensität eines “Venom” oder “Boss” herankommt, ist “Sometimes I Might Be Introvert” doch ein sehr rundes Albumerlebnis einer der spannendsten britischen Rap-Künstler:innen der Zeit.

Kai Weingärtner