Lindemann und "F&M": Stoßwellentherapie

Folgt man dem Geheimtipp einschlägiger Boulevardmedien, so existiert ein Wundermittel zur Steigerung der individuellen Anziehungskraft: Macht man sich rar, macht man sich interessant. Till Lindemann hingegen hat sich noch nie für Klatsch und Tratsch hergegeben (sieht man wohlwollend von Sophia Thomalla ab) und geht 2019 in die Werbeoffensive.
Lindemann F&M Cover

Zwischen den landläufig ausverkauften Stadiontourneen und dem langersehnten Studio-Comeback Rammsteins scheint Till Lindemann auch noch die Zeit für eigenes Material gefunden zu haben. An Ersteindrücken geizt das international anerkannte Duo nicht und hat bereits im Vorhinein drei gewohnt abgründige Musikvideos präsentiert. Neben vorsorglich deaktivierten Kommentarspalten folgt man einem therapeutisch anmutenden Grundkonzept: der Stoßwellentherapie. Dahinter verbirgt sich die Emittierung gezielter Schallwellen. Diese verursachen leichte Beschädigungen an der Zellstruktur, nur um mit der darauf einsetzenden Steigerung der Durchblutung einen Heilungsprozess zu initiieren. Kaputt machen, neu bauen. Zerstörung als Grundlage eines fruchtbaren Schaffens? Klingt abstrus, kann aber durchaus funktionieren.

Im Videoclip zu „Knebel“ fühlt es sich zumindest ganz so an. Nachdem man anfänglich den Eindruck haben könnte, dass Lindemann ein geschmeidiges Liedermacherdasein für sich entdeckt hat, so wird man kurz darauf eines Besseren belehrt. Freunden des gepflegten Dekonstruktivismus blüht das Herz auf, während das lyrische Ich die erzwungene Ruhe zelebriert. Geknebelt spricht es sich wohl schlecht, das gilt auch für das besungene Opfer. Die kurzerhand erlassende Zensur tut dem Gesamtwerk keinen Abbruch und man erwartet freudig angefixt die nächsten Untaten von Lindemann. Der „Allesfresser“ lässt nicht lange auf sich warten und karikiert den Überfluss der westlichen Welt. Ein würdiger Erbe von Rammstein-Klassikern wie „Keine Lust“ oder „Mehr“.

Subtiler geht es schon auf „Ich weiß es nicht“ vonstatten. Groovende Riffs und reichlich Effekte flankieren einen Text, der allerlei Interpretationen zulässt. Ein geschickter Spagat zwischen plumpen Phrasen auf der einen und wohl verborgenen Gedankenspielen auf der anderen Seite machten den genialen Texter schon immer einzigartig. So ist „Steh Auf“ nicht etwa eine abgehalfterte Durchhalteparole, sondern beschäftigt sich mit den unumkehrbaren Folgen eines überhöhten Drogenkonsums, welcher ein verzweifeltes Kind auf dem Boden der Tatsachen hinterlässt. Genial inszenierte Streicher untermalen den unbestreitbaren Popappeal und machen den Song zu einer beachtlichen Auskopplung.

Dass stramme Mittfünfziger die heutige Gesellschaft mit Sexwitzen nicht mehr schocken können, scheint dem Duo hingegen leider noch niemand verraten zu haben: „Frau & Mann“ und „Gummi“ strapazieren Geschlechterklischees in extremer Art und Weise. Der Schleier allerbilligster Provokation kreist wie ein Geier über der Szenerie und markiert gleichzeitig die absoluten Tiefschläge auf dem neuen Output. „Platz Eins“ ist weiterhin recht hochgegriffen, vielmehr reiht sich dieser an ein Intro einschlägiger Agentenserien erinnernde Song in die zähe Mittelmäßigkeit ein. Auch „Blut“ und „Schlaf ein“ leiden unter der in luftigen Höhen angesiedelten Erwartungshaltung. Speziell bei letzterem steht für den Hörer von vornherein fest, dass es sich mutmaßlich nicht um ein Substitut für das Sandmännchen handeln wird. Doch was textlich mehr oder minder zutrifft, lässt musikalisch das gewisse Effet vermissen.

Zum Finale sorgt „Ach so gern“ für die wohl größte Überraschung der Platte. Im Grunde fehlt einzig Max Raabes Gastbeitrag zur Perfektion. Die nonchalante Offerte zum Standardtanz spielt mit den Arrangements einer Big Band und lässt einmal mehr die abwegigen Fantasien des Till Lindemann umherstromern. Nun ist endgültig die Zeit gekommen, alle Bürgersteige hochzuklappen. Die Grundausrichtung eines Künstlers wird man ihm nur schwerlich entreißen können. Ob diese mit autobiographischen Erlebnissen oder den persönlichen Interessen einhergeht, ist dabei zweitrangig. Lindemann ist (sind, Plural!) nicht austauschbar und aus der deutschen Musikszene trotz aufgezeigter Schwächen nicht wegzudenken.

Derzeit gestaltet es sich für gesetzlich Krankenversicherte noch schwer, die Bewilligung für eine Stoßwellentherapie zu erhalten. Erst wenn der medizinische Nutzen für das Allgemeinwohl auf breiter Basis bestätigt ist, steigt die Wahrscheinlichkeit für eine weitläufige Freigabe. Ein empirischer Nachweis für die Nachhaltigkeit von „F&M“ liegt zwar ebenfalls noch nicht vor, jedoch zerrüttet das Duo jedwede Normen und Konventionen mit arglistigem Lächeln und erschafft dabei bizarre Parallelwelten. Es geht also doch: Kaputt machen und neu bauen.

Fazit

6.3
Wertung

Der Schwenk zurück zur Muttersprache steht Herrn Lindemann weitaus besser zu Gesicht. „Skills in Pills“ kann das Zweitwerk jedoch übertreffen, weil es sich weder um engstirnige Genregrenzen, noch um das teils überspektakuläre Brimborium des Rammstein-Kosmos schert. Ein eigenständiges Werk, dessen Lyrik in Teilen unausgegoren wirkt. Leider.

Marco Kampe
6
Wertung

Auf Lindemannns neuer Solo-LP kommen neben den rammsteintypischen Industrial-Riffs mit Marschattitüde auch etwas seichtere Passagen zur Geltung. Lindemanns Lyrics bleiben dabei gewohnt kryptisch und werden in stets morbidem Unterton und pathosgeladenem Gesang vertont. Die angesprochene Sozialkritik ist dabei mal mehr und mal weniger unterschwellig. Diese bewusst auf verstörend getrimmte Ästhetik ist mir persönlich etwas zu durchschaubar, jeder eingefleischte Rammstein-Fan dürfte aber seinen Spaß mit der Platte haben.

Kai Weingärtner

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