The Lemonheads und "Varshons 2": Nation Branding

Dass gefühlte Wahrheit und Realität auseinanderklaffen können, beweisen nicht zuletzt politische Würdenträger beim gelegentlichen Blick aus dem wohlbehüteten Elfenbeinturm – birgt doch beharrliches Hinterfragen die Gefahr des eigenen Irrtums. Und wer gibt schon gerne Fehler zu?
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Auf internationaler Ebene erfasst und bewertet der sogenannte Nations Brand Index die Attraktivität einzelner Nationen auf der Grundlage diverser Erhebungskriterien. Interessant ist dabei, dass tatsächliche Veränderungen in den jeweiligen Landstrichen nur eine untergeordnete Rolle in der Wahrnehmung der Bewertenden finden. Einmal gut oder schlecht, immer gut oder schlecht. Hier ist der Mensch ein Gewohnheitstier, Veränderungen möchte man in seinem mühselig zurechtgerückten Weltbild nicht akzeptieren. Natürlich ist der sagenumwobene erste Eindruck oft kriegsentscheidend. Doch muss man sich nach mehrmaligem Genuss von "Varshons 2" eingestehen, dass das Strohfeuer rasch in sich zusammenfällt.

Mit jener gespoilerten Lehre im Hinterkopf eröffnet "Can't Forget" den knapp 40-minütigen Reigen im Bee-Gees-Style der 1970er Jahre. Der Song versprüht einen Esprit, den man später mit "Magnet" wieder aufgreift. Dynamischer Rock'n'Roll der simpleren Sorte lässt kaum ein Tanzbein unberührt. Tonale Lässigkeit, die dem Hörer die Entscheidung zwischen den allmächtigen Beatles und den rollenden Steinen abnimmt. Noch rabiater ist "Old Man Blank". Verzerrte, stets dominierende E-Gitarren untermalen die Cabriofahrt an der US-amerikanischen Ostküste. Den Motorensound noch im Ohr, summen bereits die Bassspuren von "Things" um die Ecke. Hier gewinnt die Spielfreude das Qualitätsduell gegen den einfallslosen Songtitel mit Leichtigkeit. "Settled Down Like Rain" ist Kuschelrock allererster Güte, was die Frage aufwirft, wie gut Kuschelrock überhaupt sein kann. Im Gesamtkontext hinkt das Stück jedenfalls hinterher und wird dabei von "Straight To You" als treuem Leidgenossen begleitet. Das zeitlich betrachtet längste Lied holt zum großen Wurf aus, doch bestätigt im Nachgang die geweckten Erwartungen nur schwerlich.

"Speed Of The Sound Of Loneliness" prägt den gemütlicheren Teil des Albums. Es handelt sich um jene Art von Angebernummer, die man auch ohne Notenkenntnis in Gesellschaft vorführen kann. Genügsame, wiederkehrende Akkorde, nichts weiter. Ebenso einsteigerfreundlich gibt sich "Now And Then", wobei hier starke Assoziationen mit dem wilden Westen aufkommen. The Lemonheads zelebrieren das Honky-Tonk als Country-Institution: raubeiniger Charme und eine eigenartige Form von Romantik.  "Abandoned" behält den reduzierten Taktschlag bei und eignet sich für so manchen Standardtanz. "TAQN" offenbart überraschenderweise die musikalischen Wurzeln der Truppe. Diese wurden nicht in letzter Konsequenz abgetrennt, sodass zum Ende der Platte energische Punkrock-Triebe das Indie-Geflecht durchstoßen. Nicht sonderlich innovativ, dafür zumindest unerwartet. Als wolle man sich bei den weniger strapazierfähigen Anhängern entschuldigen, folgt mit "Unfamiliar" eine Funk-/Reggae-Mixtur. Eisgekühlte Getränke an einem schattigen Plätzchen sind hier Pflichtprogramm.  Dazu kommt das abschließende "Take It Easy" gerade recht. Dessen langgezogene Vokale fahren ihre Widerhaken aus und hinterlassen einen bleibenden Nachgeschmack.

In Anbetracht der ausgiebigen Studiopause erscheint ein weiteres Coveralbum wie eine kreative Sinnkrise. Fehlt es an Ideen oder hemmen Evan Dandos private Skandale den Schaffensprozess? Wie dem auch sei: Überraschungen bietet "Varshons 2" wenn überhaupt durch die stilistischen Wechsel, nicht aber durch deren jeweilige Ausprägung. Viel Breite, wenig Tiefe. Das Herz (alias die Wahrnehmung) tendiert zu einem zaghaften Ja, der Kopf (alias die Realität) besteht auf ein vorsichtiges Nein. Ein Blick aus dem Elfenbeinturm sei angeraten.

Fazit

5
Wertung

Man möchte dem Projekt rein subjektiv mehr Punkte geben, als diesem objektiv zustehen. Eine vertrackte Situation, in der eine Punkteteilung nur gerecht ist.

Marco Kampe