Le Réveil Des Tropiques und "Big Bang": David gegen Goliath

Progressiv, düster, intensiv, unberechenbar – „Big Bang“ ist ein musikalisches Ungetüm, dem Le Réveil Des Tropiques teilweise selbst nicht gewachsen sind.
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Musik giert nach der Sensation. Nicht erst der ad absurdum geführte Loudness War, bei dem sich Produzenten weltweit kontinuierlich um das nächste Quäntchen Krach überbieten wollen, beweist, wie wichtig der große Knall im schnelllebigen Spotify-Zeitalter geworden ist. Da ist man dankbar für Bands wie Le Réveil Des Tropiques, die ihr Soundideal in der puren Entschleunigung sehen. „Big Bang“ enthält gerade einmal vier Songs und überschreitet trotzdem eine Laufzeit von 40 Minuten. Dabei geben sich die Franzosen nicht einmal Mühe, ihren Tracks mit vielen plötzlichen Wendungen Spannung zu verleihen, sondern suchen im Gegenteil nach der sich im minimalistischen Zyklus aufbauenden Ekstase. Stets steht ein spartanischer elektronischer Puls im Vordergrund, der in ständiger Repetition durch weitere instrumentale Elemente und improvisierte Einsätze erweitert und intensiviert wird. So entsteht über die Dauer der Songs ein immer dichteres und variantenreicheres Soundbild. Wen das alles nun an die mächtigen Swans erinnert, der liegt ziemlich richtig, und hat damit auch gleich das größte Problem von „Big Bang“ ausgemacht.

Le Réveil Des Tropiques - "Synchrotron"

Denn Le Réveil Des Tropiques kämpfen mit einem Vorbild, dem sie einfach nicht die Stirn bieten können. Zugutehalten muss man der Band, dass sie weiß, wie man eindrucksvolle Crescendi behutsam aufbaut, ohne ihre Wirkung durch Überstürzung zu zerstören. Besonders „Matière Noire“ macht hier einen starken Job, indem es seine elektronische Soundwand mit schier unbemerkbarer Heimlichkeit auf einen gewaltigen Höhepunkt führt und dann wieder einbrechen lässt. Auch der Opener „Synchrotron“ spielt geschickt mit seinem schrillen Beat, der über die Dauer des Tracks vollständig verschwunden zu sein scheint, bis er zum Finale beinahe unmerklich wieder aus dem instrumentalen Nebel hervortritt. Ebenjener Song enthält aber auch einen Moment, der leider symbolisch für einige Augenblicke der Platte steht: Mitten im Geschehen, im wahrsten Sinne des Wortes völlig taktlos, verschwindet der repetierende Beat urplötzlich in den Hintergrund, als hätte das Verstärkerkabel des Synthesizers einen Wackelkontakt. Eine völlig ungelenke und komplett deplatzierte Bewegung, die Le Réveil Des Tropiques zwar nie wieder so drastisch, aber leider doch etwas zu oft geschieht. Die Band versteht das grundsätzliche Rezept ihrer progressiven Musik sehr gut, wirkt an solchen Stellen aber schlicht unbeholfen.

Auch wenn das nicht die Regel ist, wirken einige der aufbauenden Elemente auf „Big Bang“ schlicht uninspiriert und hastig. Das mag man nun als grundlegendes Manko von improvisierten Platten abtun, man kann sich aber auch besinnen, dass Miles Davis mit aus dem Moment heraus entstandenen Stücken eines der besten Alben aller Zeiten kreiert hat. So wirkt das Quintett aus Frankreich mit seinen handwerklichen Fähigkeiten schlicht überfordert. Das ist schade, weil „Big Bang“ teilweise trotzdem intensive Momente entfaltet, die das Werk deutlich interessanter machen als die Alben zahlreicher anderer Progressive-Bands. So kann sich die Platte knapp nicht über den Durchschnitt retten, obwohl Le Réveil Des Tropiques deutliches Potential zeigen, Großes zu schaffen.

Fazit

5.9
Wertung

Wie schade, dass Le Réveil Des Tropiques ihrem neuesten Werk nicht mehr Sorgfalt gewidmet haben. So scheitert eine große Idee an zu vielen kleinen Momenten, die den Gesamteindruck trügen. Immerhin: Durch den Genuss von "Big Bang" ist mir wieder eingefallen, wie großartig Swans' "To Be Kind" eigentlich ist.

Jakob Uhlig