Kummer und „Kiox“: Chemnitz City Swag

Das Solodebüt von Felix Kummer ist eine Studie über seine Stadt, seine Gefühle und sich selbst. Was zunächst narzisstisch klingt, offenbart sich als eines der berührendsten Rap-Alben des Jahres, dessen gesellschaftliche Relevanz weit über die Person Felix Kummer hinausstrahlt.
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Bis zum letzten Sonntag hatten Fans in Chemnitz die Gelegenheit, das Soloalbum des Kraftklub-Frontmanns im kurzfristig wiedereröffneten Plattenladen seines Vaters zu erwerben, in dem einst ein gewisser Trettmann den Babysitter für den jungen Felix Kummer spielte. Abseits seiner Band hat sich dieser in den vergangen Monaten auf sein Soloprojekt konzentriert, viel Lana del Rey gehört und den bei Kraftklub allgegenwärtigen Schutzpanzer der Ironie abgelegt. „Kiox“ ist eine düstere Persönlichkeitsstudie geworden, gespickt mit bedrohlich hämmernden Beats des Berliner Produzenten Blvth, von ungeschminkter Misanthropie und Verletzlichkeit. „Verweichlichte Befindlichkeitsscheiße“, wie Kummer es im Opener „Nicht die Musik“ nennt, und weiter verkündet: „Ich mach Rap wieder weich / Ich mach Rap wieder traurig“.

Doch „Kiox“ ist alles andere als soft. Weniger aufgrund des Battle-Rap-Blocks im Mittelteil, bei dem der Kraftklub-Frontmann mit „Wie viel ist dein Outfit wert“ zunächst gegen konsumgeile Modeopfer schießt, um anschließend auf „Aber Nein“ zusammen mit LGoony und Keke das Feuer auf sämtliche Fame-Rapper des Landes zu eröffnen. Nein, die wirkliche Härte von „Kiox“ offenbart sich an den Stellen, an denen Kummer als versierter Beobachter auftritt, der seine Heimatstadt Chemnitz und ihre Schicksale eben nicht nur durch die Perspektive einer Fernsehkamera betrachtet, sondern sie als integralen Teil seiner Identität versteht. Die Single-Auskopplung „9010“ besitzt deshalb eine so ungeheure emotionale Wucht, da in der Geschichte um den Absturz eines rechtsextremen Schulschlägers der Schmerz von echten Faustschlägen und die ehrliche Enttäuschung über ausbleibende Rachegefühle steckt, sobald Kummer seine Verzweiflung herausschreit: „Ich hatte gedacht, dass es mich freut dich so zu sehen / Das Karma fickt zurück / Irgendwie schön / Aber nichts ist schön!“

Das gleiche gilt für Kummers Schilderung von Chemnitz selbst, die in dem Song „Schiff“ mit dystopisch wabernden Sub-Bass, Nebelhorn-artigen Synthies und dem sprachlichen Bild eines von braunem Rost zerfressenen Bugs ihren Höhepunkt erreicht. Und selbst balladeske Hymnen wie „Bei Dir“ und „26“ schaffen es durch Kummers ehrliche und selbstkritische Art, die meisten Klischee-Hürden zu überspringen. Wenn dann schließlich auch noch Max Raabe auftritt und Kummer im säuselnden Duett mit Spieleabenden und Spießigkeit versöhnt, dann ist das eine der unterhaltsamsten Kollaborationen, die deutscher Rap je erlebt hat. Kummer ist nicht der versierteste Rapper, bietet nicht die abwechslungsreichsten Flows oder Intonationen. Aber er schafft es, Beobachtungen seiner Umgebung und seiner selbst in gelungene persönliche Songs zu verpacken, ohne den Zeigefinger zu heben eine politische Message zu senden und mit seiner unironischen Softness am härtesten auszuteilen.

Fazit

8.4
Wertung

Felix Kummer vollbringt auf „Kiox“ die bemerkenswerte Aufgabe, mehrere Geschichten durch seine eigene zu erzählen. Ehrlich, berührend, und ein Glanzbeispiel für innovative und unterhaltsame Features.

Felix ten Thoren

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