The Kooks und „Let´s Go Sunshine“: Universell einsetzbar oder austauschbar?

Indie-Rock löst naturgemäß keine Magenübersäuerung aus und ist in der Regel glattgeschliffener als die Gesteinsschichten eines Flussbetts. „The Kooks“ könnten wahlweise den Werbespot eines fettreduzierten Schokoriegels untermalen oder jenen eines Motorsportevents: Doch was sagt das über die dargebotene Qualität aus?
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Die Briten lassen sich von Album zu Album mehr Zeit für ihre Veröffentlichungen. Aus Sturm und Drang wird deshalb jedoch nicht zwangsläufig Sesshaftigkeit. Während „Inside In/Inside Out“, das Debüt aus dem Jahr 2006, noch rauere Konturen aufwies, hat man doch den Rock´n´Roll nicht (gänzlich) aus dem Blickfeld verloren.

Ein ellenlanges Intro, welches die Spannung verebben lässt, bevor sie entstehen kann, spart man sich und präsentiert einen Remix von „No Pressure“. Die karibischen Anleihen der vorab veröffentlichten Auskopplung weichen einer Shanty-Interpretation des Refrains: Thematisch nicht abwegig und musikalisch zweckdienlich. Das nachfolgende „Kids“ verleitet zu Spielereien am Volumenregler der heimischen Stereoanlage. Während das Schlagzeug zu Beginn dumpf abgemischt ist und auf diese Weise, gepaart mit einem an Kraftklub erinnernden Gitarrenspiel, Freiraum für Luke Pritchards gesangliche Qualitäten bietet, nimm man dramaturgisch zunehmend Fahrt auf. Ähnlich forciert geht man auf „Pamela“ zu Werke. Doch Obacht: Für „Let´s Go Sunshine“ sind damit die rockenden Kapazitäten weitestgehend erschöpft.  

Überkommt den Hörer beispielsweise die spontane Lust auf einen gepflegten Standarttanz, so bietet sich „All The Time“ an. Im Dunstfeld zwischen Mando Diao und geläufigen Britpop-Institutionen ziehen sich gute 4 Minuten ein wenig in die Länge. Es mag an dem eintönigen Rhythmus oder dem minimalistisch gestalteten Refrain liegen, dass es trotz guter Ansätze nicht für einen Klassiker reichen wird. „Four Leaf Clover“ fährt hingegen den musikalischen Widerhaken aus und gehört, speziell durch dessen Refrain, zu der besseren Hälfte des Albums. Gekonnte Vertonung eines grundsoliden Konzeptes.

„Believe“ ist ein mystischer Muntermacher. Ein Muntermacher, der sich zwischen Fisch und Fleisch geschickt seinen eigenen Weg bahnt und die Radiotauglichkeit der Kooks unter Beweis stellt. Einen Höhepunkt rhythmischer Popmusik stellt „Chicken Bone“ dar. Ob im sonntäglichen Fernsehgarten oder auf dem hiesigen Open Air: Es handelt sich um die unmissverständliche Aufforderung zum Mitklatschen und entspannten Zurücklehnen.  

Demgegenüber stehen „Tesco Disco“, „Initials For Gainsbourg“ oder das schunkelnde „Picture Frame“: Durchweg auskömmlicher, allerdings auch farbloser Input. In einem Anflug von Swing überdeckt man auf „Honey Bee“ den textlichen Kitsch gekonnt, was zumindest stilistisch eine unerwartete Wendung verkörpert. „Weight Of The World“ bezieht letztlich gar einige Bläser in das Klangbild eines für Telenovelas und Romantikfilme prädestinierten Stückes mit ein. Kein Totalausfall, kein Must-Have.

Die 53-minütige Spielzeit hätte man unter dem Strich problemlos kürzen können, ohne Qualitätseinbußen erleiden zu müssen. Gestrecktes Material und mangelnde Raffinesse in der Finalisierung trüben die zweifelsfrei vorhandenen Glanzmomente. Die Universalität führt letztlich doch zu einem gewissen Grad an Austauschbarkeit. Es wäre mehr zu holen gewesen.

Fazit

5.5
Wertung

Für derzeitige Fans eine willkommene Abwechslung, für den großen Durchbruch im deutschsprachigen Raum zu wenig; zwecks der Zahnlosigkeit fehlen mir entscheidende Aha-Erlebnisse.

Marco Kampe