King Krule und "Man Alive!": Der Himmel über London

Alles gute kommt aus South-London, zumindest derzeit und zumindest in der Musik. Was sich angesichts der UK-Jazz-Explosion und zahlreichen aufstrebenden Jung-Künstlern nur allzu leicht verdrängen lässt: Das Londoner Pflaster kann genauso räudig sein wie das britische Wetter. King Krule liefert den Soundtrack zum Dauerregen, dem inneren und dem äußeren.
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Etwas despektierlich könnte man Archy Marchall alias King Krule auch als den König der Katermucke bezeichnen. Drei Alben stehen dem 25-jährigen Briten bereits zubuche, allesamt Variationen einer Melancholie, wie sie nur unter dem ewig-diesigem Himmel Süd-Londons gedeihen kann: Graustufen-Jazz, lustlos vor sich hin nieselnde HipHop-Beats, apathischer Post Punk, Resignations-Poesie – nur selten durchbrochen von ein paar wärmenden Melodien, die wie gleißende Sonnenstrahlen durch das Dickicht strahlen.

Auch „Man Alive!“ liegt wieder eine ähnliche Farbpalette zugrunde, aus der zuletzt das impressionistische zweite Album „The OOZ“ entstand, durchsetzt aber mit einigen ungewohnt hellen Farbtupfern: „You’re not alone“ singt Marchall in „Alone, Omen 3“. Die Aufmunterung geht an ihn sie selbst – den frischgebackenen Vater. Und so versucht er sein bestes, sein geplagtes Steppenwolf-Gemüt für einen Moment beiseitezuschieben und sich und seine Tochter in etwas Optimismus zu wiegen. Der Perspektivwechsel macht sich auch  in anderen Songs bemerkbar, konträr zum Titel beispielweise in „Perfecto Miserable“, der trotz der orientierungslos wabernden E-Gitarren und Marchalls angezerrter  Stimme erstaunlich nah an ein echtes Liebeslied herankommt. Wenig später dann in „Underclass“ – ist das etwa ein Saxofon? Und noch dazu eines, das beschwingt vor sich hin trötet, anstatt Klagelaute von sich zu geben? Faszinierend.

Der wütende, der niedergeschlagene King Krule verschwindet keinesfalls vollends und tritt insbesondere in Songs wie dem aufbrausendem „Stoned Again“ oder dem obligatorischem Downer „Don’t Let The Dragon (Draag On)“ hervor, doch sorgen die positiven Einsprenkler für eine neue Qualität, die „Man Alive!“ von seinen beiden Vorgängern absetzt. Allein mangelt es dem Album an weiteren Highlights wie dem eben erwähnten „Stoned Again“, um an das großartige Vorgänger-Album anschließen zu können, das trotz seiner eher impressionistischen Natur in der Summe die verfänglicheren Momente bot.

Fazit

7.8
Wertung

King Krules Musik ist wie ein Gemälde, das man zu lange im englischen Regen stehengelassen hat. Ein gebeultetes Stück Traurigkeit in verwaschenen Blau-Grau-Tönen, und doch von einer anziehenden Schönheit. 

Felix ten Thoren