Kid Dad und "Bloom": Augen zu und durch

Kid Dads Debüt "In A Box" ist noch keine eineinhalb Jahre alt, da erscheint mit "Bloom" bereits eine neue EP der Band aus Paderborn. Laut bandeigener Aussage die Kompensation eines Vakuums, das sich durch die Pandemiefolgen wie ausgefallener Konzerte gebildet hat. Doch wie viel (Unter-)Druck ist tatsächlich auf dem Kessel namens "Bloom"?
kid-dad-bloom-ep-cover.png

Man ist es fast satt, es immer noch ausführen zu müssen: Shows werden nach wie vor abgesagt oder verschoben, Bands veröffentlichen scheinbar aus Verzweiflung Best-Of-Platten, Livezusammenschnitte oder im Rekordtempo neue Alben, um den Laden irgendwie am Laufen zu halten. Die Pandemie und die Musikszene haben, leider ziemlich einseitig, einfach keinen Bock mehr aufeinander. Doch Genie und Wahnsinn sind wie so oft auch in dieser Thematik nicht ohne weiteres Nachdenken gleichzusetzen und es verbietet sich, mit dem Gedanken "Och nö, die nächste mit den Worten 'wir haben die Zeit ohne Konzerte genutzt, um...' angekündigte Platte oder EP" vorab abzuschreiben. Eine faire Betrachtung verdienend erreicht die Welt nun die fünf Songs umfassende EP "Bloom" der Band Kid Dad aus Paderborn. Nach Aussage der Gruppe entstand dieses Werk zu einer Zeit, die man mit dem eigenen Debütalbum gerne auf Bühnen verbracht hätte, um die Batterien nach dem Studioprozess wieder aufzuladen.

Der erste Blick auf diese EP lässt den für Humor zu habenden Menschen bereits schmunzeln: "Diese EP heißt 'Bloom' und sie ist voller Farbe" steht dort (frei übersetzt) geschrieben. In weiß. Auf schwarzem Grund. Lächeln oder Kopfschütteln, entscheidet selbst. "Bloom" umfasst fünf Songs, die EP ist ein "Epochenwechsel von Surrealismus hin zur Pop-Art" (Zitat der Band). Aber jetzt genug des schlauen Geschwätzes! Was steckt denn nun drin im kunterbunten Blühen?

"Apartment" eröffnet die EP eher gemächlich und schlägt die ruhigeren Saiten an. Der Track erzählt die Geschichte vom Umzug der großen Liebe ans andere Ende der Welt. Man hört dem Song den beschriebenen Schmerz jedoch nicht wirklich an. Er wird nicht in Lautstärke oder Wut verpackt, sondern in einen poppigen vier Minuten andauernden Titel, der mehr zum Entspannen als zum Mitfühlen einlädt. "Apartment" lässt die Gedanken in den letzten, richtigen Sommer abschweifen. Passend zum EP-Titel blühen auf dieser Reise die Gänseblümchen und die Sonne brät auf die Hirse, während man in Gedanken die Füße hochlegt. Der besungene Trennungsschmerz geht dabei leider etwas verloren und hätte vertonte Emotionen verdient gehabt.

"And I don't want to be dead as soon as america". So lautet die Kernzeile des zweiten Tracks "As Soon As America", der die Gedankenwelt des lyrischen Ichs verlässt und den Fokus aufs große Ganze richtet. Es fällt nicht schwer, sich auf diesen doch kritischen Song voll und ganz einzulassen, befindet man sich doch aufgrund der erneut sehr leichten Klänge ebenfalls beinahe in Trance. Große Kritikansätze lassen sich nicht beschreiben, "As Soon As America" ist vielmehr eine rundum gelungene Nummer, die als Favorit der Auswahl heraussticht. "Wire & Guns" als dritter Titel ist durchaus spannend, kommt er doch wie ein Fußballspiel in zwei Halbzeiten daher. In der ersten Hälfte driftet man weiter in die seicht umwobene Gedankenwelt ab, bevor das Biest ausbricht und die Band zum ersten Mal auf "Bloom" richtig laut wird. Das gute am EP-Format: Die den härteren Klängen zugeneigte Hörerschaft muss auf diesen Moment "nur" zweieinhalb Songs lang warten, auf Albumlänge sähe das anders aus.

Komplettiert wird "Bloom" durch die beiden Nummern "Boat" und "Hello?". Die sich über den Ausbruch der Härte Freuenden werden nicht wieder auf den Boden der "Bloom"-Tatsachen zurückgeholt, denn "Boat" findet den gesunden Mittelweg zwischen ruhig emotional und dem Tanz aus der Reihe in die Lautstärke. "Boat" ist das allererste von 41 nach "In A Box" geschriebenen Stücken und handelt von einem auf einem menschenleeren Ozean treibenden Schiff, welches Meter für Meter auf den Abschluss der EP, "Hello?", zutreibt. "Hello?" treibt die Hörerschaft in die Stille, in die dunkle Nacht voller Zweifel, Einsamkeit und Sehnsüchten. Fast hypnotisch wirkt die Atmosphäre, die das Stück schafft. "Maybe I Have Lost Control?" lautet die zentrale Frage zum Abschluss der fünf Titel. Kid Dad scheinen mit fünf Stücken auf konstant gutem Niveau eher die Kontrolle übernehmen zu wollen. Die Kontrolle über noch mehr Playlists und Autoradios auf langen Fahrten durch die hellen und dunklen Tage, denn die Band hofft, "dass diese EP der Schlüssel zu mehr ist. Mehr Menschen, mehr Interaktion, mehr Liebe."

Fazit

6.8
Wertung

Eine EP zum darauf einlassen. Kid Dad entführen durch ihre Musik in andere Welten. Perfekt zum Entspannen, Lauschen und die Seele baumeln lassen.

Mark Schneider
5.9
Wertung

Es gibt nicht wirklich etwas auszusetzen an der Platte, aber eben auch nichts, was wirklich hinaussticht. Überwiegend entspannter Surfrock, aber mehr auch nicht.

Paula Thode