Juse Ju und „Millennium“: Feelings, please!

Mit „Shibuya Crossing“ erreichte Juse Ju erstmals eine größere Hörerschaft. „Millennium“ beschert uns erneut tiefe Einblicke in das Seelenleben des Rappers, aber auch gepflegtes Austeilen gegen Gott und die Welt.
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Juse Jus Geschichte darf man durchaus als spannend durchgehen lassen. Seine Kindheit verbrachte der in Kirchheim unter Teck geborene Rapper größtenteils in Japan. Später zog es seine Familie für eine Zeit nach Texas. Auf seinem dritten Album „Shibuya Crossing“ ließ uns der auch als Journalist und Autor arbeitende Juse Ju ausgiebig an diesen Zeiten teilhaben. Auf Album Nummer Vier stehen erneut persönliche Geschichten und Gefühle im Vordergrund. Wie man es von einem Moderator von Battle-Rap-Veranstaltungen erwarten darf, kommt „Millenium“ dennoch nicht gänzlich ohne Seitenhiebe aus.

„Ich habe keinen Funken von Respekt!“. Bereits im Opener „Kranich Kick“ legt Juse Ju den Schalter in den Battlemodus um und leitet aggressiv die vierte Runde seiner musikalischen Veröffentlichungen ein. Es hagelt Spitzen gegen die SPD, die Besetzung des Dschungelcamps mit Pseudo-Promis und ein lyrisches „Du“, über das sich Juse Ju erhebt und sich deutlich von dieser Person distanziert. Es kann im Rap eben immer nur einen geben. Der Song wirkt wie ein vertontes Rap-Battle, das Juse Ju klar für sich entscheidet. Scheinbar grundlose Aggressivität bekommt des deutschen liebste Blechkiste im Feature mit Bonzi Stolle und Panik Panzer von der Antilopen Gang ab. Die Jungs hassen Autos. Und sie hassen die Menschen, die sie lenken.

 

Zusätzlich existiert wieder eine sehr persönliche Seite auf „Millennium“. Bereits die erste Single „TNT“ entführt die Hörerschaft in die privaten Erlebnisse des Rappers. Wer schon immer mal wissen wollte, wie sich ein FSJ in einer Psychatrie anfühlt und welche Begegnungen und Gegebenheiten sich dort so abspielen, bekommt hier eine Erzählung aus erster Hand. Im Titeltrack „Millenium“ nimmt Juse Ju uns fast 20 Jahre mit in der Zeit zurück, in die Jahre nach der Jahrtausendwende. Er besingt eine Hip-Hop-Szene, in der flache Hierarchien herrschten, seine versemmelten Auftritte und wie Maeckes im Twingo seiner Schwester sitzt. Das alles klingt unbeschwert und dieser unbeschwerte Blick in die Vergangenheit steckt durchaus an. Der Kontrast zwischen aggressivem und tiefenentspanntem Rap wirkt dabei keineswegs anstrengend. Im Gegenteil: Jeder Track hat seinen eigenen Stil, auf den man sich voll und ganz einlassen kann.

„Claras Verhältnis“ handelt von einer toxischen, aber beendeten Beziehung zwischen Juse Ju und der uns allen unbekannten Clara. Das ganze Thema wirkt unverdaut und nicht verarbeitet, die Verzweiflung scheint auf die Hörerschaft überzuspringen. Unter dem Strich ist der Titel eines der vielen Beispiele, wie Juse Ju es schafft, Emotionen glaubhaft und nachvollziehbar in Worte zu fassen. Auch „Model in Tokio“ mit Nikita Gurbonov und Mia Juni lässt tiefe Einblicke in das Seelenleben des Kirchheimers zu. Der Song erzählt die Geschichte seines Auftritts bei der Tokio Fashion Week, vermittelt aber ebenso seine Meinungen zum Redaktionsjob bei RTL und eine kleine Spitze gegen einen der Ochsenknechts.

Das größte Ausrufezeichen gehört aber unter „Edgelord“ mit Milli Dance gesetzt. Der Track ist eine Abrechnung mit "Ich-bin-zwar-kein-Nazi-aber"-Leuten. Mit den Leuten, die Sexismus und Antisemitismus als Humor durchgehen lassen wollen und sich dabei auch noch unverstanden fühlen. Die Betonung, dass es sich dabei nicht um Politrap, sondern um Musik gegen das einzelne so denkende Individuum handelt, gibt’s direkt mit an die Hand. Es kann im Rap eben nur einen geben, und so wenden sich die beiden in persönlicher Ansprache direkt an den Einzelnen.

 

Fazit

7.5
Wertung

Wenn Rap bei mir zündet und den Weg in meine Playlist findet, dann muss er aus dem Standardmuster herausstechen und mehr bieten als Diss und dicke Eier. Juse Ju verkörpert für mich auch auf "Millennium" Glaubhaftigkeit, die nötige Portion Ernsthaftigkeit und vor allem richtig gute Beats. Ich mochte "Shibuya Crossing" und wurde auch jetzt alles andere als enttäuscht!

Mark Schneider
9.5
Wertung

Kommen wir von der Auseinandersetzung mit dem früheren Ich in „Shibuya Crossing“ zum Ausleben des früheren Ichs auf "Millenium": Juse Ju formt seine Alben mit echten Storys, mal ernst, mal basslastig. Insgesamt überzeugt das Album und schafft es jetzt bereits in meine Top-Alben des Jahres. Wieder einmal ein gelungener Mix aus ruhigen Tracks, bewusst ernsten Songs und Juse-Ju-typischen Punchlines. Dieses Mal ohne Fatoni und Edgar Wasser, dafür aber mit einer Hymne gegen Autos, sowie mit Panik Panzer, Milli Dance und Bonzi Stolle, ein alter Rapkollege von Juse Ju.

Paula Thode