Joey Cape und „Let Me Know When You Give Up“: Bremse

Joey Cape gehört mit seinen 53 Jahren gewiss nicht mehr zu den Jüngsten in der Punkszene. Das heißt aber nicht, dass er sich auf „Let Me Know When You Give Up“ stilistisch nicht doch noch weiter entwickeln könnte.

Der Blick muss gar nicht so weit in die Vergangenheit reichen. „Stitch Puppy“ erschien 2015 und überzeugte mit seiner ruhigen, verträumten und geschmeidigen Art. All das hat Cape sich auch bewahrt. Jedoch hat er sein Repertoire erweitert. Zwar rufen Stimmen öfter mal laut „Country“, wenn die gezupfte Westerngitarre ausgepackt wird, allerdings kann Joey Cape sich davon komplett distanzieren. Wobei man hier von Vergangenheit sprechen muss. Denn Cape versucht sich an neuen Einflüssen für sein neues Soloalbum. Und mit einem schärferen Blick erkennt man auch Argumente dafür. Das größte ist definitiv seine Gesangsstimme. Diese ist durch zunehmendes Tourleben, insbesondere mit Lagwagon, rauer geworden und verliert an ihrer Leichtigkeit. Nun klingt das negativer als es gemeint ist. Denn Fakt ist, dass ihm diese Stimme ein ganz neues Charisma und einen fast unwiderstehlichen Charme verleiht.

Doch zurück zum Country. Das Paradebeispiel ist „I Know How To Run“. Die einfachen Akkorde im Intro lassen zuerst auf einen klassischen ruhigen Cape-Akustik-Track schließen, doch dem ist nicht so. Er erhöht rasch das Tempo, dass mit Besen gespielte Schlagzeug setzt ein, zusammen mit einer zweiten Gitarre. Ein richtig klassischer Country-Track entsteht, ganz im Stile der Highwaymen, der Countrysupergroup von Willie Nelson, Johnny Cash. Nur eben mit viel mehr von Joey Cape. Er geht damit eine ähnliche Richtung wie Nikola Sarcevic, Frontmann von Millencolin, auf seinen Soloalben. Doch textlich ist er dem Schweden dann doch ein wenig voraus. Cape erzählt von fehlender Empathie und wachsendem Hass in unserer Gesellschaft. Er zieht unterschwellige Parallelen zu George Orwell und trifft dabei den Nagel auf den Kopf.

Doch „Let Me Know When You Give Up“ ist kein Country-Album geworden. Schließlich lässt er diesmal härtere Einflüsse zu als auf seinen bisherigen Akustik-Alben. Aber auch wenn Songs wie „Fighting The Atrophy“ an die guten alten Lagwagon-Zeiten erinnert, so kommt Joey Cape solo besser über die ruhige Schiene. Der untrügliche Beweis ist „The Love Of My Life“. Es ist die zweite Vorabsingle des Albums und Cape nähert sich in dem Song wohl eher unbewusst einem großen Musiker an: David Bowie. Bei genauem Hinhören erinnert sein Gesang sehr stark an den verstorbenen Briten. Erstmal fällt die Slide Guitar im Hintergrund auf, die dem Song wieder einen unverkennbaren Country-Charakter verleihen. Und was herauskommt, ist ein romantischer Track, der über die große Liebe erzählt, die Liebe zu seiner Heimat Kalifornien. Ein entschleunigender Track, der zum loslassen und Tagträumen einlädt.

Joey Capes neues Album ist vielleicht weniger ruhig als die vorherigen, aber dadurch nicht zwangsläufig schwächer. Joey Cape liegt die ruhige Ader einfach und auf seinen Solo-Alben präsentiert er sich mit ihnen auch am besten.

Fazit

7.3
Wertung

Joey probiert mal wieder ein bisschen was anderes, was auch Abwechslung bringt, aber natürlich die Frage aufwirft, ob er überhaupt ein Upgrade gebraucht hätte? Eigentlich nicht, aber geschadet hat es dem auf gar keinen Fall.

Moritz Zelkowicz