Hunney Pimp und „Chicago Baby“: Hunney und Clyde

In einem komplizierten Genre bewegt sich die Österreicherin Hunney Pimp so leichtfüßig und charmant wie es im Bereich Cloud Rap wenige vor ihr taten. So ist „Chicago Baby“ ein riesiger Hoffnungsschimmer in einem Genre voll stilistischer Dunkelheit.
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Es ist ja in Deutschland beinahe so sehr en vogue über deutschen Rap abzulästern, wie das Genre sich insgesamt an Beliebtheit erfreut. Und auch wenn es wahnsinnig einfach ist, sich über auf Autotune lallende Proleten lustig zu machen, so ist es doch viel interessanter, sich die Perlen aus den verschiedensten Sub-Genres herauszupicken. Doch auch dieser Blick ist erst einmal anstrengend. Die Österreicherin Hunney Pimp bewegt sich im Bereich Cloud Rap und Trap. Wenn man von Lichtblicken wie Ahzumjot absieht, hat dieser Bereich auch erschreckend wenig zu bieten. Doch dann steht da sie, Hunney Pimp, die für ihr neues Album in die Rolle von Chicago schlüpft. Sie ist eine junge Frau, die sich auf einem Trip in einen Ganoven verliebt und mit ihm abhaut, dabei werden die Beiden von einer Gangsterin verfolgt. Auch in dieser Rolle ist Hunney Pimp in manchen Tracks zu finden.

Allein diese Ausgangslage kann die Grundlage eines absolut langweiligen und niveaulosen Gangsterrap-Albums werden. Doch weit gefehlt. Denn was sie daraus macht, ist eine moderne Version von Bonnie und Clyde. Hunney Pimp umschreibt diese Liebe im Rausch so authentisch und schafft es in „Bugaboo“ diesen Funken zu beschreiben, der von Chicago auf ihren Lover überspringt und eine fühlbare Zweisamkeit erzeugt. In „Britney“ und „Ganovin“ wird die ominöse Verfolgerin eingeführt. Was bis hierher besonders auffällt, sind die Einflüsse, die vor allem den Gesang von Hunney Pimp prägen. Neben den Lines, die an klassische Chansons erinnern, bedient sie sich einigen Jazzelementen. So rappt sie die meiste Zeit weniger, als dass sie singt, was die Songs noch weiter ungemein aufwertet. Dazu kommt noch der unverkennbare Charme, der ganz besonders durch einen der schönsten Dialekte präsentiert wird, nämlich der österreichischen Mundart. Die Geschichte geht weiter und in „Olles in Ollem“ findet sich Chicago in ihrem neuen Alltag, geprägt von Gewalt wieder. Die Worte die sie dafür findet, sind in ihrer Tristesse schlichtweg wundervoll: "Olles vergeht / die Stroßen brennt / Mei letztes Hemd in Rosen tränkt." Was am Ende folgt, ist natürlich kein Happy End. Ob sie aber am Ende in einem ewigen Rausch den Drogentod findet oder im Rausch umgebracht wird, lässt sie offen.

Der Cloud Rap ist für seine Weite und Sphäre in Beats und Stimmungen bekannt, und genau das nimmt Hunney Pimp mit. Doch was sie daraus macht ist einfach wundervoll, denn durch ihren Gesang verschwimmt der Beat im Hintergrund immer mehr zu einem bloßen Rhythmus und erzeugt so eine neue Beziehung aus Beat und Gesang. Nun könnte man aus dieser Beschreibung schließen, dass die Beats so simpel und schlecht produziert sind, dass sie einfach rausfallen, doch das Gegenteil ist der Fall. Die Abstimmung erfolgte in einer selten dagewesenen Perfektion. Dass diese großartige Gesangstechnik, mit dem zusätzlichen leichten Hall so viel Raum einnimmt, dass für opulente Beats kein Platz ist, wurde perfekt erkannt und umgesetzt. Es kommt nicht oft vor, dass man in diesem Bereich ein so großartig produziertes und gemischtes Album findet. Hier gebührt nicht nur Hunney Pimp Respekt, sondern auch dem Wiener Produzenten Melonoid.

Diese kleine Geschichte ist so wunderbar erzählt, man möchte und man sollte ihr nicht zu viel vorwegnehmen. „Chicago Baby“ wird beim ein oder anderen vielleicht etwas Zeit brauchen, besonders weil es bei manchen möglicherweise Verständnisprobleme geben könnte aufgrund der Mundart. Doch sie ist ein wichtiges Element, welches es schafft, das abgeschmackte Drogen und Gangsterthema interessant und charmant zu vermitteln.

Fazit

8
Wertung

Zugegeben, es hat mehrerer Blicke auf das Album bedurft, bis „Chicago Baby“ seinen ganzen Zauber offenbart hat. Doch so sehr liebe ich dieses Album nun mit seiner ruhigen, bedachten Stimmung, und diesem Gesang, der in seiner Stilistik in diesem Genre seinesgleichen sucht.

Moritz Zelkowicz
4.5
Wertung

Acht Songs: Jeder mit eindimensionalen Beats ausgestattet. Im Titeltrack darf man sich 35 (!) mal das Wort „Chicago“ anhören und das bei nicht einmal drei Minuten Spiellänge. Die österreichische Mundart bringt gewiss ihren Charme mit, aber mehr als nebenbei würde ich mir dieses Album nicht anhören.

Niels Baumgarten

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