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Halestorm und „Vicious“: Hardrock-Fastfood

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Do, 02.08.2018 - 19:50
Während sich die Musikwelt in die beiden Lager Pop/HipHop und Indie-Szene spaltet, versuchen Künstler wie Nickelback, Alanis Morissette oder eben Halestorm immer noch, Gitarrenriffs mit Radiotauglichkeit zu verbinden. Eine Philosophie, die aus der Zeit gekommen ist?

Solche Bands zwischen den Stühlen haben seit jeher mit halber Anerkennung zu kämpfen: Im Mainstream recht erfolgreich, aber mit klassischer Bandbesetzung und wenig aktuellen Bezügen zur Popkultur immer eine Ausnahmeerscheinung zwischen der Welle aus Pop, Trap und EDM. In der Szene allerdings gerade wegen der massentauglichen Anbiederung ans Radio verschrien, ordnen sich Bands wie Halestorm vielerorts ein, aber nirgends richtig – eine überraschend erfolgreiche Philosophie, die für „Love Bites (So Do I)“ aus ihrem zweiten Album „The Strange Case Of…“ sogar in einem Grammy mündete.  Aber muss man nicht irgendwann Nägel mit Köpfen machen, etwa in der Konsequenz von Thirty Seconds To Mars, die dieses Jahr ihre ohnehin schon nicht mehr ernstzunehmenden Versuche, eine Rockband zu sein, mit seelenlosem Pomp-Pop endgültig aus ihrer Musik verbannte? Oder hierzulande Heisskalt, die nach ihrem pop-punkigen Indieradio-Hit „Hallo“ alle Leinen lösten und sich Richtung künstlerischer Selbstbestimmung aufmachten?

Fragen über Fragen - und doch beantwortet „Vicious“ keine so richtig. Was nicht bedeuten soll, dass es sich bei der vierten Studioplatte der US-Amerikaner um ein schlechtes Album handelt. Die Grammy-Preisträger aus Pennsylvania beherrschen ihr Handwerk aus breitbeinigen, deftigen Hardrock-Riffs, knackig produziertem Schlagzeug und der Rockröhre einer Lzzy Hale schließlich bis zur absoluten Perfektion. Tatsächlich präsentiert uns bereits „Black Vultures“ eingängige Melodien auf dem Bett vom Halftime-Gepumpe der Rhythmusfraktion und eine Strophe, die lediglich als Steigbügelhalter für den explosiven Refrain dient. „Uncomfortable“ besticht mit seiner Steven-Wilson-Bridge, schwankt aber ansonsten zwischen einem gelungenen Heavy-Metal-Modernisierungsversuch auf der einen Seite und aufgesetztem Radio-Bob-Rock mit Hang zum Powerrock-Kitsch einer Alanis Morissette. Und hier liegt das größte Problem von „Vicious“: Halestorm versuchen fast permanent zwanghaft cool, sexy und groovy zu klingen, diese Fehlinterpretation ihrer Fähigkeiten haben sie aber eigentlich nicht nötig.

Viel besser können sie nämlich bluesige Hard-Rock-Solos und epische Hook-Wände wie in „Do Not Disturb“ oder in massentauglichen Breakdowns sanfte Ausflüge Richtung Hardcore. Generell gewinnen Halestorm jedes Mal, wenn sie vom stark produzierten, aber aus der Zeit gefallenen Hardrock Richtung Modern Heavy Metal gehen, dessen Gitarren in grimmigen Riffs die kleinen Sekunden zelebrieren, immens an Qualität. Leider hängen sie jedoch zu sehr an cheesy Refrains („Killing Ourselves To Live“) oder Texte über One-Night-Stands („Do Not Disturb“). „Buzz“ beispielsweise ist völlig standardisierter Reißbrett-Hardrock, der gerne wie Alter Bridge klingen würde, aber leider nur die schlechten Seiten von Nickelback offenbart. Dazu kommen die wirklich irrelevanten Texte über eindimensionale Vorstellungen von Liebe, Geschichten von Affären und einem ungewöhnlich hohen Drang, dem Hörer die eigene sexuelle Selbstbestimmung auf die Nase zu binden. Teilweise baut sogar ein ganzer Song samt Thema, Titel und Refrain auf einer uninspirierten Zeile wie „You get me high like a painkiller“ auf.

Absolut positiv hervorzuheben ist allerdings die Produktion und das Mixing von „Vicious“: Das Schlagzeug scheppert wunderbar, der Gitarrensound ordnet sich schön zwischen überproduzierter Soundwand und dreckiger Organik ins Klanggewand ein und lässt immer genug Platz für die rauen Stimmkaskaden Lzzy Hales – jeder Song klingt so kraftvoll, transparent und zeitgemäß, ohne sich aufdrängen zu wollen. Kein Wunder, Produzent Nick Raskulinecz saß schließlich bereits für Giganten wie die Foo Fighters, Alice In Chains oder Rush an den Reglern.